Im BLICK : Markenkern gekreuzigt

von

In einer etwas gewunden formulierten Entscheidung hat jetzt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Klage einer italienischen Atheistin gegen Kruzifixe in den Klassenzimmern des Landes abgeschmettert: Es sei ein religiöses Symbol, ja, aber ein „passives“, von dem sich schlicht nicht messen lasse, wie stark es Kinder beeinflusse, die alle Tage wieder mit Blick auf das Kreuz unterrichtet würden. Insofern nein, nichts, das die Religionsfreiheit der Mutter und ihrer Kinder bedrohe, kein Verstoß gegen ihre Menschenrechte.

Man merkt den Richtern die Verlegenheit an, zu diesem heiklen Thema zu urteilen. Ausgerechnet hier, bei den oft bemühten christlichen Wurzeln, gibt es den EU-europäischen Wertekonsens nämlich nicht. Die historisch allerkatholischsten Mitglieder Spanien und Frankreich pflegen einen recht scharfen Laizismus, die Deutschen privilegieren beide christliche Großkonfessionen, und die Briten leisten sich gar eine Staatskirche. In ihrer verständlichen Verlegenheit – oder Angst vor Protesten europäischer Regierungen? – nehmen die Straßburger Richter einen kulturellen Rückschritt hin. Europas Gesellschaft ist längst eine überaus plurale; ausgerechnet in den Schulen, die alle Kinder besuchen müssen, das christliche Abendland an die Wand zu malen oder zu nageln, ist zumindest kurios, vermutlich aber geeignet, Anders- und Nichtgläubige auszugrenzen. In Italien schon gar, wo der Ausweg Privatschule eine Sackgasse ist, die meisten sind kirchlich.

Kurios ist aber auch der Applaus der Kirchen für das Urteil. Der Apostel Paulus hätte gegen die Presseerklärung der europäischen Bischöfe vermutlich ein Veto eingelegt. Von ihm stammt die Charakterisierung des Kreuzes als „Ärgernis“ – schließlich zeigt es den grausamen Tod von Gottes Sohn. Genau dies Heikle aber banalisiert ein Urteil, das das Zentralsymbol des Christentums für harmlos erklärt. Doch ausgerechnet der Vorsitzende der Europäischen Bischofskonferenz säkularisiert es seinerseits zum Symbol der „Identität Europas“ , Italiens Außenminister zum Ausdruck des „Volksgefühls“ und der CSU-Politiker Singhammer sogar zum Zeichen der „Würde aller Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts oder welchen religiösen Bekenntnisses“. Für solche Glaubensverteidiger haben die nicht mehr sehr glaubensstarken, aber katholizismusgeübten Italiener das schön-böse Wort „fromme Atheisten“ (atei devoti) gefunden. Die Schlachten, die sie gewinnen, beschädigen den Markenkern des Glaubens. Auch das Straßburger Urteil könnte ein Erfolg nach Art des antiken Königs Pyrrhus sein: Noch so ein Sieg und sie sind verloren.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben