Im BLICK : Politik und Wissenschaft

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Gegen Ende der Veranstaltung wurde Sigmar Gabriel pampig. Er finde das scheiße, sagte der SPD- Chef, diese akademische Überheblichkeit, zu sagen, die Leute verstünden Europa nicht. Das sei jetzt zwar nicht sehr akademisch, aber es sei eben so. Zuvor hatte, es war in der vorigen Woche am Wissenschaftszentrum Berlin, eine Politikprofessorin erläutert, dass Europapolitik intransparent sei und daher zu einer Krise der Demokratie beitragen könne. Ob es die gebe, war die Frage des Abends. Die Leute, entgegnete Gabriel, verstünden Europa sehr wohl, weil sie darauf schauten, was mit ihren Steuern passiere – da sähen sie, dass ihr Geld verwendet werde, um spanische Banken zu stützen, die sich mit Krediten verzockt hätten. Das reiche, da wollten sie nicht wissen, wie genau der ESM funktioniere.

Ein kleiner Knatsch nur, möglicherweise aber nicht ohne Hintergrund. Denn die Ehe zwischen Politik und Sozialwissenschaften, die ja den modernen Staat, der alles steuert und bewegt, in die Welt gesetzt hat – diese Ehe hat ihre kleinen Risse. Kein staatliches Handeln ist mehr ohne wissenschaftliche Begründung und Begleitung denkbar. Das hat die Sozialwissenschaften zu einer aufgeblähten Branche gemacht (wie noch jedes Subventionsprojekt). Ökonomen, Politologen, Soziologen und seit dem Bildungshype der Nullerjahre auch die Erziehungswissenschaftler haben uns im Verein mit der Ministerialbürokratie weisgemacht, dass die detaillierte Erforschung auch noch der allerletzten Zusammenhänge Wirtschaft und Gesellschaft so steuerbar macht, dass es zu gar keinen Krisen mehr kommen kann, dass noch jedes Leid vermeidbar wird. Zukunftsgestaltung ohne unangenehme Nebenwirkungen.

Globalsteuerung, wie Karl Schiller das nannte, funktioniert aber nicht. Die vergangenen zehn Jahre haben das gezeigt. Und so ist die Politik jetzt misstrauischer.

Gabriel sprach davon, dass Demokratie von einem „Hoffnungsüberschuss“ in der Gesellschaft lebe – heute sehe er eher einen „Fatalismusüberschuss“. Also eine Krise der Demokratie? Oder ist es eher eine Krise des von der Wissenschaft gelenkten Staates, der seine Zukunftsverheißungen nicht mehr erfüllen kann?

Wie wäre es zur Abwechslung mal mit Common Sense? Dazu ein kleines Beispiel. Dieser Tage schlugen die Jugendverbände Alarm. Wegen der Ganztagsschulen, die gerade erst zum großen Zukunftsthema ausgerufen und mit einem Milliardenprogramm wissenschaftlich fundiert auf den Weg gebracht wurden. Die nähmen den Jugendlichen aber Freizeit weg, die sie selbst füllen könnten, lautet nun die neue Erkenntnis. Die natürlich Ergebnis einer Studie ist. Es glaubt ja sonst keiner, oder? Dass Ganztagsschulen Freizeitkiller sind, ist freilich eine Einsicht, für die im Zweifel auch die Erinnerung an die eigene Schulzeit und Nachmittage ohne Unterricht und halbstaatliche Aufsicht reicht. Aber das war jetzt unakademisch.

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