Im BLICK : Vom Ross zum Reiter

Matthias Schlegel über die späte Erinnerung an die SED

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Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur will sich mit der Aufarbeitung der SED befassen. Wenn man hinzufügt, dass die Stiftung seit zwölf Jahren existiert, wird die Binsenweisheit zur Kuriosität. Ja, was, in Honnis Namen, hat sie bisher gemacht?

Nun, dass die mit – nicht übermäßig üppigen – Steuergeldern ausgestattete Stiftung durchaus fleißig war, eine Menge beigetragen und bewirkt hat, um die Mechanismen und Wirkungen der zweiten deutschen Diktatur nicht im sich ausbreitenden Verklärungsnebel verschwinden zu lassen, kann man in ihren Tätigkeitsberichten nachlesen. Aber die SED selbst, die Herrschaftspartei, deren Strukturen, Machtstrategien, gesellschaftliche Verankerungen, innere Widersprüche oder internationale Einflüsse standen bisher nicht im Zentrum ihrer Arbeit.

Wenn die Stiftung jetzt sozusagen eine „Wende“ vollzieht, folgt sie im Kern eigentlich nur einem alten Ruf von vielen Seiten, der nur weithin ungehört blieb: Vergesst über all den Stasi-Geschichten, den Regelanfragen und IM-Enthüllungen nicht die Rolle der Partei, sprecht nicht nur von Schild und Schwert, sondern auch vom Krieger selbst, nennt neben dem Ross auch den Reiter.

Es gibt die vom PDS-Ehrenvorsitzenden und vorletzten DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow heftig bestrittene Darstellung des früheren Dresdner Oberbürgermeisters Wolfgang Berghofer: Modrow habe Anfang Dezember 1989 ein paar SED-Granden zusammengerufen und die Parole ausgegeben, es müsse, um die Partei zu retten, den Massen ein Schuldiger präsentiert werden – das sei die Stasi. Markus Wolf, einstiger Chef der Auslandsaufklärung und Mielkes Stellvertreter, soll empört aufgesprungen sein und gesagt haben, sie hätten doch nie etwas „ohne Befehle von euch gemacht“. Er sei mit dem Hinweis zufriedengestellt worden, dass die Aufklärung da selbstverständlich herausgehalten werde.

Ob Wahrheit oder Legende – dass die nachhaltige Fokussierung des öffentlichen Interesses auf die Stasi bis heute auf diese Chuzpe zurückgeht, hieße den Einfluss der damals um ihr Überleben ringenden SED weit überschätzen. Die Erklärung ist vermutlich viel einfacher: Nichts Langweiligeres gab es zu DDR-Zeiten als die SED, von kaum etwas anderem hatten die Menschen die Nase so voll wie von deren Omnipräsenz. Die Leute mit dem „Bonbon“ am Revers kannte man, von Parteilehrjahren wollte man nie mehr etwas wissen.

Wie geheimnisvoll, wie spannend dagegen war die Aufdeckung all dessen, was die einerseits gut getarnt, andererseits oft täppisch, aber immer höchst gefährlich daherkommende Stasi zu DDR-Zeiten ausmachte. Für Millionen Menschen hatte dieser Riesenapparat eine Zweitexistenz in den Akten angelegt. Erst als das Archiv offen war, konnten die Leute davon Kenntnis nehmen und ihre Würde wiedererlangen. Was ist dagegen ein dröger Parteiapparat – Verantwortung her oder hin?

Die SED ist ein Fall für die Wissenschaft. Eigentlich seit langem. Na klar. Aber so wichtig die Forschungsarbeiten darüber sind – Spitzenplätze auf den Bestsellerlisten werden sie nicht erringen.

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