Politik : Immer mehr in Angst vor Pflegeheimen

Rainer Woratschka

Berlin - Immer mehr Bürger fürchten sich vor Pflegebedürftigkeit und schlechter Versorgung im Heim. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage der Evangelischen Heimstiftung unter über 50-Jährigen. So glaubt bereits die Hälfte aller Befragten, dass Pflegebedürftige mit Medikamenten ruhig gestellt werden; 2004 waren nur 33 Prozent dieser Ansicht. Und die Zahl derer, die beim Personal zu wenig Zeit für Betreuung und Pflege sehen, stieg von 66 auf 81 Prozent. Nur 24 Prozent erwarten, im Pflegefall gut versorgt zu werden.

„Die Ängste wundern mich überhaupt nicht, sie sind auch nicht wirklichkeitsfremd“, sagte Diakonie-Präsident Jürgen Gohde dem Tagesspiegel. Die Sorge, pflegebedürftig abhängig zu werden, betreffe die Menschen im Innersten. Man wisse auch, dass zu wenig Geld im System fehlende Betreuung, Zeit und fehlenden Respekt gegenüber Pflegebedürftigen nach sich ziehe. „Die Umfragezahlen unterstreichen die Notwendigkeit, hier wirklich zu arbeiten.“ „Wir müssen diese Ängste total ernst nehmen“, meint auch Caritas-Sprecherin Claudia Beck.

70 Prozent meinen, dass Pflege zu teuer sei. „Wir müssen beides steigern“, sagte Gohde, „die Professionalität und die Transparenz bei Preisen und Leistungen.“ Laut Umfrage wollen nur 13 Prozent der Befragten in ein Pflegeheim. Die Mehrheit favorisiert ambulante Pflegedienste, Angehörigen-Betreuung und betreutes Wohnen. 89 Prozent wollen, dass die Pflegeversicherung bleibt. Zugleich ist eine große Mehrheit der Ansicht, dass jeder auch selbst vorsorgen muss. Und 31 Prozent meinen, dass Sozialhilfeempfänger nicht die gleiche Pflege erhalten sollten wie Selbstzahler, nur „einfachere Basispflege“. Caritassprecherin Beck sieht darin eine „sehr gefährliche Tendenz“. „Man fängt an, Leben unterschiedlich zu bewerten.“ Gohde hingegen nannte die Bereitschaft zu mehr Eigenvorsorge gut. So genannte Basispflege müsse aber „genau definiert werden, das darf kein Billigangebot sein“.

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