Politik : Immer mehr Opfer durch Landminen

Menschenrechtler: Vor allem Zivilisten in Konfliktgebieten kommen durch die tückischen Waffen um

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Die Kriege dieser Welt sorgen für neue, traurige Nachrichten: Im vergangenen Jahr töteten und verletzten Minen, Streubomben und andere Munitionsrückstände 7328 Menschen. Damit fielen diesen Killerwerkzeugen rund elf Prozent mehr Menschen zum Opfer als im Jahr 2004. „Doch das sind nur die offiziellen Zahlen“, sagte Stephen Goose von der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch am Mittwoch bei der Vorstellung des Landminenberichts 2006 in Genf. Goose und seine Mitstreiter von der Internationalen Kampagne zum Verbot der Landminen (ICBL) schätzen die tatsächliche Opferzahl weitaus höher ein: auf zwischen 15 000 und 20 000 Personen pro Jahr. Rund vier von fünf der Umgekommenen sind Zivilisten; oft zerfetzen die Militärinstrumente nichts ahnende Kinder. Goose betonte, dass in den offiziell verfügbaren Angaben die Verheerungen der gefürchteten Streubomben aus dem Libanonkrieg 2006 noch nicht auftauchen.

Eskalierende Konflikte rund um den Globus trieben die Opferzahlen in die Höhe. So lauern im Tschad, in Kolumbien, in Pakistan, in Birma und in Sri Lanka immer mehr Minen und Munitionsrückstände.

Tückisch sind zumal die weitgehend geächteten Antipersonenminen (APM). Sie sollen auch verletzen und traumatisieren: Die verstümmelten Opfer fallen dann dem Kriegsgegner zur Last, verbrauchen knappe Ressourcen. Bis zu 500 000 Menschen haben weltweit den Kontakt mit APM überlebt. Doch strichen internationale Geber 2005 im Vergleich zu 2004 die Hilfe für ärztliche Behandlung und Minenräumung um 23 Millionen US-Dollar auf 376 Millionen US-Dollar zusammen.

Zwar setzen nur noch die Streitkräfte aus drei Staaten die Antipersonenminen ein: Russland, Birma und Nepal. Umso mehr aber bedienen sich Rebellen, Terroristen und andere nichtstaatliche Kämpfer der Waffen. „Einige nichtstaatliche bewaffnete Gruppen kontrollieren große Territorien“, erklärte Yeshua Moser-Pusangsuwan von „Mines Action Canada“. Nur eine Rebellengruppe, die LTTE aus Sri Lanka, räumt und zerstört nach ihren Angaben Antipersonenminen.

Zur APM-Vernichtung haben sich 151 Länder 1997 verpflichtet – doch viele Staaten hinken hinterher. Nach ICBL-Recherchen gehören Regierungen von mindestens vier europäischen Ländern zu den Säumigen: Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Dänemark und Großbritannien. Zudem verbietet das Abkommen den Einsatz, die Lagerung, die Produktion und die Weitergabe von Antipersonenminen. Nur: Die drei führenden Militärmächte, USA, Russland und China, machen keine Anstalten, der Vereinbarung beizutreten. Laut ICBL unterhalten die drei Staaten massive Arsenale.

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