Immer mehr Touristen in Berlin : Benimmregeln wären nur peinlich für die Hauptstadt

Berlin, die angeblich coolste Stadt des Planeten, würde sich lächerlich machen, wenn Besucher auf dem Flughafen mit Benimmregeln begrüßt würden. Ein Kommentar.

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Ohne Gummi.
Ohne Gummi.Foto: dpa

Dass Kofferhersteller schon an einer flüsterleisen „Kreuzberg-Edition“ arbeiten, ist eher unwahrscheinlich. Das würde die Wirkung der Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Herrmann auf Samsonite und Co. überschätzen. Es reicht, dass sie missverstanden werden kann, wenn sie Gummirollen für Rollkoffer und Benimmregeln für Touristen fordert. Bleibt bloß weg, so könnte man das lesen. Es ist nicht die erste Stimme, sondern ein wiederkehrendes Raunen über eine bedrängende Überfremdung – Ausdruck einer Stadt mit Wachstumsschmerzen. So grantelte auch Wolfgang Thierse über Zugezogene, die beim Bäcker nicht „Schrippe“ sagen können. Schon 27 Millionen Übernachtungen jährlich und dazu die Aussicht, dass sich hier in zehn Jahren 250 000 Berliner mehr drängeln werden – da ist Unruhe unvermeidlich.

Herrmann malt ein verzerrtes Bild

Wer wie Herrmann den Eindruck erweckt, dass die Touristen die Stadt für eine Art Disneyland zur freien Verfügung halten, malt ein verzerrtes Bild. Die Partyhopper und absturzalkoholisierten Jungmenschen sind eine Minderheit; der durchschnittliche Besucher ist 42,6 Jahre alt und kommt wegen der einzigartigen Mischung aus Kulturangebot, spannender Geschichte und erschwinglichem Stadterlebnis. Benehmen können sich die meisten auch. Zwischen dem Gebrauch eines Rollkoffers und Wildpinkeln im öffentlichen Raum liegen Welten – schlechte Manieren finden sich übrigens auch in Paris oder London. Neun von zehn Berlinern freuen sich Umfragen zufolge über Touristen. Selbstverständlich bringen Besucher Lärm und Gedränge – aber das ist Großstadt, nicht Kurort. Wer klagt, dass man in Kreuzberg nicht mehr bei offenem Fenster schlafen könne, soll dies mal Gästen aus New York erzählen.

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Wiehler Willʼs Wissen (2) - Benimmregeln für Touristen?
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Offene und tolerante Stadt

Berlin, die angeblich coolste Stadt des Planeten, machte sich lächerlich, wenn wir Besucher auf dem Flughafen mit Benimmregeln begrüßen würden. Dann wäre wirklich bald der Berlin-Hype zu Ende, wie schon vor Monaten in den USA geunkt wurde. Eine offene und tolerante Stadt zu sein, das ist das hart erkämpfte Erbe der Geschichte und Berlins größter Aktivposten für die weitere Entwicklung eines Wirtschaftszweigs, der schon derzeit rund 300000 Menschen ein Einkommen sichert.

Sich Gedanken zu machen, wie Einheimische und Auswärtige sich möglichst spannungsarm begegnen können, ist gerade deshalb notwendig. Die Bezirke, in denen Reisende hauptsächlich unterwegs sind oder wohnen, benötigen zusätzliche finanzielle Hilfe der Landesregierung für Infrastruktur und Personal – es kann nicht sein, dass etwa Pankow den größten Teil seines Grünflächenetats für den mehrheitlich von Touristen genutzten Mauerpark ausgibt.

Verbot von Ferienwohnungen ist richtig

Selbstverständlich ist, dass Hotels ihre Gäste um Rücksicht bitten. Statt aber Gummirollen zu fordern und damit die Besucher zu schelten, muss Politik die Bedingungen schaffen, um Belastungen für Berliner möglichst gering zu halten. Ferienwohnungen zu verbieten, ist richtig, weil es Wohnraum schafft und Mieter vor Belästigung durch ständig neue Gäste schützt. In einem touristischen Entwicklungsplan kann auch über Grenzen, wie viele Hotels ein Kiez verträgt, diskutiert werden. Darauf hinzuwirken, dass Geheimtipps aus dem Netz verschwinden, wie etwa ein Besuch des gesperrten Spreeparks, kann ebenso sinnvoll sein. In Brand gesteckt haben den Spreepark aber nicht Touristen, sondern Berliner.

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