Politik : Immer wieder bei null Von Ruth Ciesinger

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Die Katastrophe kam ohne Warnung. In Pakistan hat am 8. Oktober das schwerste Beben, das es in der Region seit hundert Jahren gab, mindestens 73000 Menschen getötet und mehr als drei Millionen weitere zu Obdachlosen gemacht. Niemand konnte vorhersehen, wie groß das Unglück würde, als plötzlich die Erde zu beben begann, Berghänge Dörfer verschütteten und zehntausende Häuser in sich zusammenfielen. Doch jetzt, vier Wochen später, findet in Pakistan eine zweite Tragödie statt – und zwar mit Ankündigung. Weil das so ist, müssen sich die Staaten, muss sich die internationale Gemeinschaft dringend überlegen, wie sie auf diese und künftige Katastrophen reagieren kann.

Es wird nicht mehr lange dauern, bis der Winter einzieht in AsadKaschmir, der Region, die vom Erdbeben am schwersten getroffen wurde. 400000 Winterzelte werden gebraucht, damit die Menschen dort die kommenden Monate überleben können, wenn in manchen Gebieten die Temperatur auf unter 20 Grad minus fällt. Und die Hilfe muss schnell kommen. Sonst wird, wie UN-Generalsekretär Kofi Annan warnt, eine zweite gigantische Todeswelle über Kaschmir hinwegrollen.

Die dramatischen Appelle wirken aber nicht recht. Die UN-Hilfsaufforderung von rund 550 Millionen Dollar ist erst zu einem knappen Viertel gedeckt. Das Welternährungsprogramm wird die Hilfsflüge mit Helikoptern bald einstellen müssen, weil kein Geld mehr da ist. Zwar haben viele Staaten hohe Beiträge zum Wiederaufbau versprochen, doch wem nützen neue Häuser im kommenden Sommer, wenn die Menschen bereits im Winter an der Kälte gestorben sind?

Um schneller handeln zu können, wünschen sich die UN einen neuen Hilfsfonds für die Soforthilfe. Großbritannien hat sich Anfang des Jahres direkt nach dem Tsunami dafür ins Zeug gelegt und nach dem Beben in Pakistan nochmals eindringlich an die UN-Generalversammlung appelliert, die Einrichtung dieses Fonds im November zu beschließen. Es wäre in der Tat eine großartige Vorstellung, dass erste Hilfe im Katastrophenfall ohne vorgeschaltete Konferenzen und Aufrufe in jedem Fall gesichert ist. Allerdings geht es auch hier nicht ohne die Zahlungsbereitschaft der Staaten. So verweisen zum einen Länder wie Deutschland auf haushaltsrechtliche Vorgaben, die das Einzahlen in einen derartigen Fonds schwierig erscheinen lassen. Zum anderen hatten sich im Oktober erst sechs Geberländer mit einem Angebot vorgewagt, wie viel Soforthilfe sie überweisen würden: insgesamt 150 Millionen Dollar. Bei den Vereinten Nationen hält man mindestens 500 Millionen für notwendig.

Dazu kommt: 2005 war mit den Folgen des Tsunami in Südasien, Wirbelstürmen in der Karibik und den fast zum Alltag gewordenen Hungersnöten in Afrika schon ohne das Erdbeben in Pakistan ein ausgesprochenes Katastrophenjahr. Ohnehin wächst die Zahl der Hilfseinsätze von UN und anderen Organisationen bereits seit Jahren. Nicht nur die Zahl der Naturkatastrophen ist hoch, auch die Einsätze in Kriegs- und Krisengebieten wie beispielsweise in Afghanistan oder Irak sind gestiegen. Es sieht ganz so aus, als ob sich die reichen Staaten längerfristig darauf einstellen müssen, mehr Geld in die Katastrophenhilfe zu investieren.

Als Erstes aber geht es darum, zehntausende Menschen in Pakistan zu retten. Deshalb sollte auch die Bundesregierung trotz bereits geleisteter Hilfe und eines tiefen Haushaltslochs ihre Zusagen weiter erhöhen. Die Deutschen selbst wiederum haben mit 600 Millionen Spenden für die Flutopfer in Südasien schon einmal gezeigt, zu was für einer Unterstützung sie in der Lage sind. Zwar ist den meisten jetzt Pakistan nicht so nahe wie Thailand oder Sri Lanka, und Kaschmir haben wohl nur einige wenige Rucksacktouristen bereist. Aber die Hilfsorganisationen sind genau wie vor zehn Monaten auf Spenden angewiesen. Die Erdbebenopfer leiden nicht weniger als die Menschen nach der großen Flut.

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