Immigration : Flucht übers Wasser

Jahr für Jahr wagen tausende Flüchtlinge aus Afrika die gefährliche Reise über das Mittelmeer und hoffen darauf, in der EU Aufnahme und Hilfe zu finden. Die griechische Insel Leros schlägt nun Alarm. Sie wird mit dem Ansturm illegaler Einwanderer nicht mehr fertig.

Gerd Höhler

AthenSie kamen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Manche waren Monate unterwegs, habe tausende Dollar an die Schleuser gezahlt, die ihnen versprachen, sie nach Europa zu bringen. Jetzt sitzen sie, in Decken gehüllt und doch vor Kälte zitternd, dicht an dicht auf dem Steinboden. Die meisten haben noch die Kleidung an, in der man sie völlig durchnässt vor der Küste der griechischen Ägäisinsel Leros aus dem Meer gefischt hat. Das Auffanglager, in dem sie untergebracht sind, ist total überfüllt. Acht bis zehn Personen schlafen dicht an dicht auf dem Boden in Zimmern, die gerade mal Platz für zwei Betten bieten. „Wir werden mit dieser Situation nicht mehr fertig“, sagt verzweifelt Giannis Machairidis, der Präfekt der Dodekanes-Inselgruppe, zu der Leros gehört.

Die meisten aufgegriffenen Kinder sind alleine unterwegs

Täglich kommen mehr Flüchtlinge über die Ägäis. Jetzt, wo sich die Frühjahrsstürme gelegt haben, versuchen immer mehr Migranten, mit Fischkuttern oder Schlauchbooten von der türkischen Küste zu einer der griechischen Ägäisinseln überzusetzen. Allein am Sonntag griff die griechische Küstenwache vor den Inseln Samos und Patmos 105 illegale Zuwanderer auf.

Am schlimmsten ist die Situation aber auf Leros, wo in der vergangenen Woche etwa 300 illegale Einwanderer aufgegriffen wurden – unter ihnen 160 Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren. Die meisten von ihnen sind allein unterwegs, ohne Eltern oder Geschwister. Bei den Armutsflüchtlingen handelt es sich überwiegend um Menschen aus Ländern des Nahen Ostens, aus Afghanistan, Pakistan und Afrika. „Die Flüchtlinge kommen meist über die Türkei, aus der Umgebung von Bodrum“, berichtet Philippos Olymbitis, Mitglied einer Bürgerinitiative, die sich auf Leros um die Migranten kümmert. „Die Schleuser setzen sie in Schlauchboote und geben ihnen ein Messer mit. Sobald sie in griechischen Hoheitsgewässern sind und ein Fischerboot oder eine Patrouille der Küstenwache sehen, zerstechen sie die Luftkammern der Schlauchboote – dann sind sie Schiffbrüchige und müssen gerettet werden.“

Unzumutbare Zustände

3000 Dollar habe sie den Schleusern gezahlt, berichtet die 17-jährige Drusey aus Äthiopien. Drei Monate war sie unterwegs. Jetzt will sie so schnell wie möglich weg hier aus dem überfüllten Auffanglager. Aber wie? Und wohin? Die junge Frau zuckt ratlos mit den Schultern. „Die Zustände sind unzumutbar“, sagt Spyros Daniil von der griechischen Hilfsorganisation „Ärzte der Welt“. Besonders katastrophal ist die Situation der kleineren Kinder, die keine Angehörigen haben. Die 8000 Einwohner von Leros kümmern sich mit Spenden und tatkräftiger Hilfe so gut es geht um die Flüchtlinge. Aber es fehlt an Lebensmitteln, an Kleidung, an Unterbringungsmöglichkeiten und an medizinischer Betreuung für die Migranten: Viele von ihnen sind krank. Die kleine Insel ist völlig überfordert. Präfekt Machairidis hat deshalb an das Innenministerium in Athen appelliert, Leros zum Notstandsgebiet zu erklären, rasch Hilfe vom Festland zu schicken und die Migranten auf andere Orte zu verteilen. Inzwischen wurden etwa 60 Flüchtlinge, darunter neun Kinder, von Leros nach Piräus gebracht.

Unterdessen rechnen die Behörden mit einer weiteren Zunahme des Flüchtlingsstroms. 2007 wurden nach offiziellen Angaben 112 364 illegale Zuwanderer in Griechenland aufgegriffen – doppelt so viele wie im Jahr davor und sogar dreimal so viele wie 2004. Obwohl in den vergangenen Monaten neue Auffanglager eingerichtet wurden, fehlt es an Unterbringungsmöglichkeiten. Griechenland war mehrfach in die Kritik geraten, weil es bei der Behandlung der Migranten erhebliche Missstände gibt. Menschenrechtsorganisationen und die UN-Flüchtlingsagentur UNHCR kritisieren auch, dass die griechischen Behörden politischen Flüchtlingen in den meisten Fällen Asyl verweigern und sie nicht über ihre Rechte aufklären.

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