Politik : „In absehbarer Zeit kein Tigerstaat“

Tom Koenigs, Chef der UN-Mission in Afghanistan, über die Probleme im fünftärmsten Land der Welt

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Viereinhalb Jahre nach dem Sturz der Taliban: Terroranschläge und Entführungen, die Wirtschaft kommt nicht in Gang, die Korruption blüht – viele Afghanen sind von der Entwicklung enttäuscht, während internationale Beobachter die Fortschritte loben. Wer hat denn nun Recht?

Oberflächlich beantwortet ist für die einen das Glas halb leer, für die anderen halb voll. Tiefer greifend muss man festhalten: Dies ist nun einmal das fünftärmste Land der Welt. Mit einer nicht existierenden Produktion, mit schwierigster Infrastruktur, nicht einmal die Wetterbedingungen sind einfach. Niemandem wird es daher gelingen, aus Afghanistan in absehbarer Zeit einen Tigerstaat zu machen. Zudem haben wir hier politische Strukturen geschaffen, die für ein entwickeltes Land richtig sind. Das heißt, wir haben einen Mantel genäht, der sehr groß ist. Und dann sieht man die Defizite sofort.

Zum Beispiel?

Wir haben uns eingesetzt, dass die Polizei demokratisch ist und ihre Macht nicht zum eigenen Vorteil missbraucht. Das sind Erziehungsprozesse, die nicht in drei Monaten greifen. Man merkt auch, wie langsam die Befreiung der Frau voranschreitet. Niemand mehr muss in diesem Land verschleiert gehen oder gar in der Burka – dennoch tragen alle die Burka. Die Strukturen sind unten noch nicht angekommen.

Trotzdem forcieren viele europäische Länder, auch Deutschland, den Druck auf bei ihnen lebende Afghanen, in ihre Heimat zurückzukehren. Können diese Rückkehrer ihren Platz in diesem Land finden?

Die ökonomische Situation vieler Rückkehrer ist heillos. Sie finden ihr Haus entweder zerstört oder an jemand anderen vergeben vor. Die wirtschaftlichen Möglichkeiten für jemanden, der zurückkehrt, sind in Afghanistan gleich null. Manches afrikanische Krisenland ist dagegen bestens entwickelt. Wenn man sich die Armenviertel von Kabul anschaut, da leben Menschen tagelang von dem Versuch, zwei Pfund Apfelsinen zu verkaufen. Jeder, der hier zusätzlich reinkommt, vermehrt diese Armut. Wer die Situation kennt, dem ist schnell klar: Dieses Land ist nicht aufnahmefähig.

Wissen die deutschen Innenminister nicht, was hier vorgeht?

Darüber habe ich schon mit Schily manche scharfe Diskussion geführt. Inwieweit die Innenminister der Länder die Lage in Afghanistan realisiert haben, kann ich nicht sagen. Dazu bin ich auch noch zu kurz vor Ort, um schon mit ihnen Kontakt aufgenommen zu haben. Zumindest habe ich den Eindruck, dass der neue Bundesinnenminister sich intensiv mit dem Thema Afghanistan befasst.

Sie sind jetzt knapp vier Wochen hier in Kabul. Warum tun Sie sich mit 62 Jahren einen solchen Job noch an?

Ich hab sehr gerne bei den UN gearbeitet, sowohl im Kosovo als auch in Guatemala. Danach kam das Angebot als Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung bis zum Ende der Wahlperiode. Das ist eine politische Arbeit, die nur mit einem gewissen Niveau an Übereinstimmung mit der Regierung zu machen ist. Deshalb war klar, dass ich nach dem Ende von Rot-Grün aus diesem Amt ausscheiden würde. Warum die Wahl des UN-Generalsekretärs letztlich auf mich gefallen ist, weiß ich nicht genau. Ich war erstaunt, muss ich sagen. Vielleicht weil er weiß, das ich gerne auf schwierigem Terrain arbeite, und das ist es hier.

Einer der schwersten und gefährlichsten Jobs, den die UN zu vergeben haben.

Leider stehe ich unter ständiger Bewachung. Dass ich nur schwer bewaffnet in gepanzerten Wagen durch die Stadt fahren kann, muss ich akzeptieren. Zumindest habe ich mir ausbedungen, dabei auf Blaulicht zu verzichten. Ich habe mir allerdings einen Luxus erlaubt, einmal hier in einen Buchladen zu gehen und nach Büchern zu suchen.

Können Sie unter solchen Umständen noch offen mitbekommen, was im afghanischen Alltag vor sich geht?

Ich habe engen Kontakt mit der afghanischen Regierung, den Institutionen, der internationalen Gemeinschaft und den UN-Mitarbeitern. Von daher habe ich eine Menge sozialer Interaktion. Ich habe mir zudem vorgenommen, möglichst schnell sämtliche Regionalbüros im Lande zu sehen. Ich will das Land kennen lernen. Und wenn ich dann tiefer einsteige, wird sicher auch Zeit sein, die kulturellen Schönheiten des Landes anzusehen.

Was ist in diesem Land zuallererst zu tun? Wo liegt Ihre Priorität?

Jeder, der hier hinkommt, muss sich zwei Dinge fragen. Erstens: Was wird von der internationalen Gemeinschaft erwartet, was gemacht werden muss? Zweitens: In welchem Bereich kannst du persönlich einen besonderen Aspekt setzen? Und das ist bei mir relativ klar: Ich will das Gewicht auf Menschenrechte legen. Zudem bin ich überzeugt, dass der Aufbau demokratischer Strukturen hier nur durch Ausbildung und Qualifizierung zu erreichen ist. Eine neue Straße hält nur, wenn es kundige Leute gibt, die wissen, wie man sie pflegt. Erfolge gegen die hohe Kindersterblichkeit erreicht man durch Hygiene-Erziehung. Die Frauensterblichkeit vermindert man, indem man Hebammen ausbildet. Hier überall müssen wir ansetzen. Die Alphabetisierungsrate erwachsener Frauen in diesem Land liegt bei 14 Prozent – das ist doch ein Skandal. Und tausende Mädchen gehen immer noch nicht in die Schule.

Nun hängt die Rolle der afghanischen Frau mit uralten gesellschaftlichen Strukturen zusammen. Wie geht man dagegen vor, ohne Traditionen zu verletzen?

Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter. Es gibt mittlerweile auch sehr moderne islamische Staaten. Die Ehrung der Rolle der Frau ist ein islamisches Prinzip, das hat Präsident Karsai wiederholt sehr deutlich gemacht. Es gibt doch auch sonst Modernisierung in diesem Land: Selbst der mittelalterlich anmutende Paschtune im fernab gelegenen Gebiet ist mit erstaunlicher Geschwindigkeit in der Lage, ein Handy bedienen zu lernen. Und das Fernsehen ist auch überall willkommen, obwohl seine kulturelle Zerstörungskraft ja relativ groß ist. Dass sich die Afghanen nicht mit den modernen Waffen auskennen, kann man auch nicht behaupten. Diese Gesellschaft braucht keine 500 Jahre, um sich zu ändern.

Das Gespräch führte Peter Ahrens.

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