Politik : In alle Richtungen

Viele israelische Wähler reagieren ratlos – selbst die Familien der Spitzenpolitiker sind zerstritten

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Israel einmal anders. Erstmals seit Jahrzehnten wählen ganze Familien diesmal nicht die gleiche Partei. Die Gründung der Kadima-Partei spaltet selbst die Familien der Spitzenpolitiker. Vor allem aber verunsichert sie die einfachen Bürger. „Die Regierungen kommen und gehen, die Lügen (der Politiker) bleiben“.

Der riesige Aufkleber auf einem Lieferwagen drückt die Meinung der überwiegenden Mehrheit der Israelis aus. Sie haben ihre Politiker satt und sind zudem verunsichert. Ob auf den Wegen zum Wahllokal in der Kahanstam-Straße in Tel Aviv oder in der Jad-Lebanim-Schule in Petah Tikva: Die Bilder sind die gleichen, neuen, bisher einzigartigen. Man diskutiert, gestikuliert, schüttelt den Kopf, bleibt stehen und redet heftig auf den anderen ein.

Zwanzig Prozent der Wähler erklärten, sie seien bis zum letzten Augenblick unentschlossen. Hier vor den Wahllokalen, bei den Ständen der Parteien, in den Warteschlangen vor den Wahlurnen sind sie zu sehen und hören. Alt-Staatsbank-Gouverneur Mosche Sanbar vermisst in den Warteschlangen vor den Urnen in der Kahanstam-Schule die jungen Wähler. „Wo sind sie geblieben? Wählen ist nicht nur Bürgerrecht, sondern auch Bürgerpflicht.“ Und er vermisst auch, obwohl sie politisch weit auseinander liegen, einen alten Bekannten, der immer hier wählte: den alzheimerkranken Ex-Ministerpräsidenten Jitzchak Schamir.

„Bibi? Du willst Bibi ( gemeint ist Likudchef Benjamin Netanjahu) wählen? Bist du meschugge geworden?“ fragt der eine entsetzt. „Dein kleiner Stalin (gemeint ist Arbeitsparteichef Amir Peretz) ist auch nicht besser“, kontert der andere. Schließlich einigen sich die beiden Mittdreißiger doch noch: „Auf jeden Fall nicht Olmert“.

Ehud Olmert, bisher stellvertretender Ministerpräsident, Kadima-Vorsitzender und wohl der künftige Regierungschef, wählt am frühen Morgen als einer der Ersten im alten Katamon-Quartier in Jerusalem. Er dürfte der Einzige in seiner Familie sein, der Ja sagt. Ja, auf hebräisch „Ken“ steht für die Kadima, die neue Partei der Mitte. Während Ehud Olmert von rechts her zu ihr gestoßen ist, sind Frau Alisa und die Kinder links geblieben.

Olmerts Familie sind mutmaßlich alle Meretz-Wähler, wenn sie nicht noch linkeren Parteien ihre Stimme geben. Für den Familienvater und Regierungschef ist dies nichts Neues: Er hat noch nie auch nur eine Stimme aus seiner eigenen Familie erhalten.

Ganz anders und doch ähnlich die Lage bei der Kadima-Nummer-zwei, dem Arbeitspartei-Urgestein Schimon Peres. Er bezahlt seinen Übertritt zu Ariel Scharons Kadima mit einem erstmaligen Stimmensplitting in der Familie. Peres erscheint auch früh, stellt sich brav in die Warteschlange im Wahllokal im ehemaligen Nobelviertel nahe der Universität Tel Aviv, schüttelt von Altersflecken überdeckte Hände, lächelt in die Kameras, gibt sich wie immer – diesmal ausnahmsweise wohl zu Recht – strahlend optimistisch.

Allerdings, wie auch immer, ohne seine Frau Sonja. Sie wird später ihre Stimme abgeben. „Sonja ist und bleibt Labour. Sie wird niemals ihre Stimme Kadima geben – und Schimon hat nie versucht, sie zu beeinflussen“, behauptet einer, der es seiner Meinung nach „wissen muss“. Tochter Zwia, hochgeachtete Sprachwissenschaftlerin und auch in schwersten Augenblicken, nach den zahllosen Wahlniederlagen an ihres Vaters Seite, fühlt sich nun von ihm verlassen. Er und Kadima erhalten ihre Stimme nicht, doch auch die Arbeitspartei wählt sie erstmals nicht. Während der Vater auf seine alten Tage hin nach rechts gerückt ist, hat sich die Tochter nach links abgesetzt: „Ich wähle Meretz“, sagt sie.

Kadima hat auch die Familie von Peres’ ehemaligen Partner, des ermordeten Premiers Rabin, gespalten. Einzig die Tochter Dalia Pelesoff ist der Arbeitspartei treu geblieben. Schließlich war sie einmal engste Mitarbeiterin von Amir Peretz in der Gewerkschaft. Ihre Tochter Noa, berühmt geworden durch ihre Grabrede für ihren Opa, ist inzwischen Staatsanwältin. Sie wählt diesmal Kadima.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben