Politik : In aller Öffentlichkeit

Assange unterhält sich online mit Lesern des „Guardian“ – und eine US-Firma sperrt nun auch die Schweizer Zugangs-Webseite

Das Gesicht von Wikileaks. Durch eine Lupe ist ein Browser-Fenster mit der Seite der Internetplattform und dem Konterfei von Julian Assange zu sehen. Foto: Britta Pedersen/dpa
Das Gesicht von Wikileaks. Durch eine Lupe ist ein Browser-Fenster mit der Seite der Internetplattform und dem Konterfei von...Foto: dpa

London/Washington/Madrid - Seit Tagen hält Julian Assange die Welt der Diplomatie mit seinen Enthüllungen in Atem – jetzt geht der mit Haftbefehl Gesuchte in die Offensive. Assange stellte sich in der Online-Ausgabe der britischen Zeitung „Guardian“ den Lesern. Allerdings ging der Server der Zeitung schon nach kurzer Zeit in die Knie. Der Ansturm der Interessenten war zu stark.

Ein Leser stellte Assange die Frage, ob er um seine Sicherheit fürchte. „Die Morddrohungen gegen uns sind allgemein bekannt“, sagte Assange. Er würde alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, soweit dies angesichts der Konfrontation mit einer Supermacht möglich sei. Der US-Politiker und ehemalige republikanische Kandidat zur Nominierung für die Präsidentschaftswahl 2008, Mike Huckabee, hatte zuvor gesagt, die Verantwortlichen für die Daten-Lecks sollten hingerichtet werden.

Ausweichend reagierte Assange auf die Frage eines Lesers, der sich als ehemaliger Diplomat ausgab und dem Gründer der Internet-Plattform Wikileaks vorwarf, diplomatische Bemühungen zu unterminieren. „Würden Sie Ihre Frage kürzer formulieren, würde ich ihr gern meine Aufmerksamkeit widmen“, antwortete Assange.

Der Wikileaks-Gründer versteckt sich nach Presseberichten in Großbritannien. Die schwedische Justiz rechnet damit, dass er in Kürze gefasst wird. Der Vorwurf gegen den 39-jährigen Australier bezieht sich allerdings nicht auf dessen Weitergabe hochsensibler US-Diplomatendepeschen – die schwedische Justiz verfolgt ihn vielmehr wegen des Verdachts der Vergewaltigung. Wie die zuständige Oberstaatsanwältin Marianne Ny am Freitag der Nachrichtenagentur dpa bestätigte, übermittelte die schwedische Justiz einen neuen Haftbefehl für Assange an die Behörden in Großbritannien. Die britische Polizei Scotland Yard hatte am Vortag erklärt, dass man Assange wegen eines Formfehlers im ersten Haftbefehl nicht festnehmen könne.

Das Enthüllungsportal Wikileaks war seit Freitagmorgen zunächst über die Schweizer Internetadresse wikileaks.ch erreichbar. Registriert hatte die Adresse die Schweizer Piratenpartei, wie die Schweizer Domainverwalterin Switch sagte. „Wikileaks.ch“ wurde vom Vorsitzenden der Schweizer Piratenpartei, Denis Simonet, reserviert. Am Abend freilich war auch dieser Zugang zu den Dokumenten verschlossen. Der amerikanische Domain-Name-Provider EveryDNS, der schon „wikileaks.org“ als Adresse entfernt hatte, hatte auch die Schweizer Adresse gesperrt.

Statt unter „wikileaks.org“ war der Zugang schon seit dem späten Donnerstagabend nur noch über die IP-Adresse zugänglich, also die Zahlenfolge, die jeden Computer im Internet eindeutig identifiziert. Verwalter EveryDNS verwies zur Begründung darauf, dass es wiederholt zu „massiven“ Angriffen auf die Adresse gekommen sei.

Unterdessen gingen die Wikileaks-Enthüllungen weiter. Am Freitag ging es um die Korruption in Afghanistan. Das Ausmaß von Bestechung, Erpressung und Veruntreuung sei selbst für Diplomaten in Kabul schockierend, übermittelte die US-Botschaft im Januar. In Kabul erklärte ein Regierungsvertreter einem staunenden Diplomaten das „Vier-Stufen-Modell“ der Korruption. Demnach werde bei US-Entwicklungsprojekten gleich mehrfach abkassiert: zunächst bei der Ausschreibung eines Bauvorhabens, dann bei Auftragsvergabe, während des Baus und ein weiteres Mal, wenn das Projekt eingeweiht wird, heißt es in der „New York Times“. Einzig der bis heute amtierende Landwirtschaftsminister Asif Rahimi habe eine weiße Weste – anders als Staatschef Karsai, der laut einer US-Depesche von Mitte 2009 fünf Grenzpolizisten begnadigt haben soll, die mit über 120 Kilogramm Heroin erwischt worden seien. Die Begnadigung erklärt sich dadurch, dass der Sohn eines einflussreichen Karsai-Unterstützers in den Fall verwickelt gewesen sein soll.

Auch Großbritannien muss nach jüngsten Berichten harte Kritik wegen seines Einsatzes in Afghanistan einstecken. Karsai soll in einem Gespräch mit US-Militärs gesagt haben, Großbritannien sei „der Aufgabe nicht gewachsen“ und solle die Sicherung der Provinz Helmand besser den Amerikanern überlassen, wie der „Guardian“ aus geheimen Botschaftsdokumenten zitierte. dpa/AFP/Tsp

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