• In Berlin galt Jörg Schönbohm als Hardliner. Als Innenminister in Brandenburg gibt er sich moderat

Politik : In Berlin galt Jörg Schönbohm als Hardliner. Als Innenminister in Brandenburg gibt er sich moderat

Michael Mara,Thorsten Metzner

Sozialdemokraten werden schon misstrauisch: Sägt der Stellvertreter am Stuhl von Manfred Stolpe?Michael Mara und Thorsten Metzner

Ein seltsames Ost-West Stillleben: Da steht sie nun, die Tram der Berliner Verkehrsbetriebe mit der Nummer 3587, die letzte, die bis zum Mauerbau zwischen Teltow und Lichterfelde verkehrte. Ordentlich umzäunt, daneben drei graue Betonblumenkübel des einstigen volkseigenen Plattenbaukombinats als Zierde. Schaulustige verirren sich selten zu diesem Denkmal deutscher Einheit an der Potsdamer Straße in Teltow. Aber an jenem sonnig-kalten Dezembermorgen, kurz nach neun, begrüßen hier Bürgermeister Siegfried Kluge, weitere Lokalhonoratioren, Polizei und Lokalpresse einen besonderen Gast. "Es ist uns eine Ehre, dass Sie hier sind!" Jörg Schönbohm, gerade mit der gepanzerten Regierungslimousine nebst Bodyguard-Begleitfahrzeug angekommen, schüttelt jedem die Hand, wie es Manfred Stolpe zu tun pflegt. Er scherzt, packt mit an, als hinter dem Wagen vier neue Holzbänke aufgestellt werden. Zwei davon sind, wie die dezenten Messingschilder verraten, "gestiftet von Jörg Schönbohm".

Gerade mal ein Jahr ist es her, seit der Ex- General den Posten des Innensenators von Berlin an den Nagel hängte, um die in Grabenkämpfen aufgeriebenen und verfeindeten christdemokratischen Truppenteile in Brandenburg zu sammeln und mit ihnen "Stolpe-Land" zu erobern. Ein Himmelfahrtskommando, prophezeiten ihm Freund wie Feind. Doch nun sitzt Schönbohm seit zwei Monaten tatsächlich an den Hebeln der Macht. Der in sein Geburtsland zurückgekehrte 62-Jährige hat die spürbare Lust, das Land "umzukrempeln". In Brandenburg soll die "innere Einheit" vollzogen werden. Schon warnt Regine Hildebrandt, die lieber den Kabinettstisch verließ als mit den Schwarzen Frieden zu schließen: Der "frischere" Christdemokrat profiliere sich als "zweiter Landesvater neben Stolpe".

Ob Presseball in Cottbus oder Aids-Gala in Berlin, ob Blutspender-Ehrung in Potsdam oder Trauerfeier für die Opfer des Busunglücks in Altlandsberg: Der Vize-Regierungschef scheint allgegenwärtig, ganz wie Stolpe in seinen besten Jahren. Die beiden gelten als wesensverwandt: konservativ, pragmatisch, machtbewusst. Der Ex-Kirchendiplomat (Ost) und der Ex-General (West) sind geschickte Strategen, zugleich aber "Instinktpolitiker" mit einer Antenne für Stimmungen. Sie haben ein Faible für Preußen und seine Tugenden. Dennoch legt Schönbohm Wert darauf, dass die Unterschiede zwischen ihm und Stolpe nicht verwischen.

Im Grunde stehen der Premier und sein Vize für zwei konträre Regierungsmodelle: das "System Stolpe" und das "System Schönbohm". Auf der einen Seite der Konsensmensch, der meist um den heißen Brei redet, der es sich mit niemandem verderben möchte, der im Kabinett exzellent moderiert. Auf der anderen Seite der Konfliktmensch, der die Dinge beim Namen nennt, Konflikte austrägt. Auf der einen Seite der undurchschaubare Meister der Beherrschung, auf der anderen der spontane Meister der klaren Sprache: Stolpe sagt "man", Schönbohm "ich".

Das "System Stolpe" habe in der Vergangenheit vor allem deshalb gut funktioniert, analysiert der Ex-General, "weil Konflikte unter Einsatz von Geld gelöst werden konnten. Es gab genug." Heute seien Brandenburgs Kassen leer. "So oder so - das System Stolpe war an einem Endpunkt angelangt, auch wenn die CDU nicht mitregieren würde. Schmerzfreie Lösungen gibt es nicht mehr." Deutlicher wird Jörg Schönbohm nicht. Der Wahlkampf, in dem er Stolpe vorgeworfen hatte, über den Dingen zu schweben, anstatt zu regieren, ist vorbei. Loyalität zählt für Schönbohm mehr als alles andere, da unterscheidet er sich nicht von Stolpe. Die starken, ihre Parteien dominierenden Männer haben eine unausgesprochene Übereinkunft: Schönbohm stellt Stolpes Autorität in der SPD nicht in Frage, umgekehrt gilt das Gleiche. So lässt es sich leichter regieren.

Ist das der Grund, weshalb Stolpe, der im trauten Umfeld von "unserem General" spricht, Schönbohm und seine Minister anscheinend gelassen gewähren und fleißig Punkte machen lässt? Oder ist Stolpe, der nun schon im zehnten Jahr den Landesvater spielt, müde geworden? Führende SPD-Politiker warnen intern, dass der CDU-Frontmann den Marschrhythmus in der Koalition vorgebe, jedenfalls in der Außenwirkung. Nicht Stolpe, sondern Schönbohm drückt bei der geplanten Vereinigung von Berlin und Brandenburg auf Tempo. Hier der Moderator und Bewahrer, dort der Macher und Modernisierer - nach den ersten Wochen der Regierung scheinen die Rollen klar verteilt. Nur einmal fuhr Stolpe öffentlich aus der Haut, als er dem Koalitionspartner am Rande der SPD-Fraktionsklausur im fernen Lübbenau Profilierungssucht vorwarf - freilich ohne Schönbohm beim Namen zu nennen. Auf Dauer wäre das unerträglich, polterte Stolpe. Ein Wort zur Beruhigung der Genossen, reagierte Schönbohm gelassen.

In kleinstem Kreis gibt sich Stolpe abgeklärt: "Soll Schönbohm doch durchs Land reisen und trompeten. Wir haben noch fünf Jahre vor uns." In der Regierungserklärung hat er deutlich gemacht, wer die Nummer eins ist: Die Fusion wird dort nur unverbindlich als "langfristiges Ziel" erwähnt. Schönbohm, der schon 2004 abstimmen lassen will, schluckte die Kröte. Es fällt auf: Der in Berlin als Hardliner und Provokateur Gescholtene verändert sich in Brandenburg: Er ist moderater, präsidialer geworden. Auch ostdeutscher? Er habe mehr "Verständnis für die Erfahrungswelt, die Lebensleistungen der Ostdeutschen gewonnen", sagt er. Dass er die "kleine DDR" in Brandenburg überwinden will, ist für ihn kein Widerspruch. In Frankfurt / Oder war es jedenfalls Schönbohm, nicht Stolpe, der die Brandenburger gegen die Westsicht der Frontal-Redaktion des ZDF verteidigte: Was das ZDF geboten habe, sei "manipulativer Journalismus" gewesen. Tosender Beifall für Schönbohm bei den Frankfurtern. Der Satz, Schönbohm spiele den Märkern etwas vor, würde SPD-Landeschef Steffen Reiche heute nicht mehr über die Lippen kommen.

Das Pensum, das der christdemokratische Multifunktionär als Vizepremier, Innenminister, Partei- und heimlicher Fraktionschef absolviert, nötigt den Sozialdemokraten Respekt ab. Schönbohms Terminkalender ist übervoll, wie an jenem winterlichen Tag, an dem es nach der Übergabe von Sitzbänken in Teltow sofort weitergeht: Noch in der Museumsbahn Direktiven an lokale CDU-Matadore. Dann weiter zur Landesgeschäftsstelle, die zu seinem Ärger - seine Augenbrauen ragen noch steiler als sonst in die Höhe - immer noch in einem versteckten Babelsberger Hinterhofkeller logiert. Kurzer Jour Fixe mit dem Generalsekretär und dem Landesgeschäftsführer zu Kohls Kassen und den CDU- Vorstandswahlen in den Kreisen. Die nächste Station ist Fürstenwalde, fast an der polnischen Grenze: Start einer Briefkampagne gegen das Massensterben auf märkischen Straßen. Aber die Oberstufenschüler, mit denen er diskutieren soll, haben den Brief nicht. Zurück ins Ministerium zur Vorbereitung der Kabinettssitzung, die Schönbohm wegen Abwesenheit Stolpes leitet. Ein Landrat steht schon vor der Tür, wenig später CDU- Fraktionschefin Beate Blechinger. Zum Mittagessen lässt sich Schönbohm von seiner Sekretärin, die er "Eichhörnchen" nennt, einen Salat bringen. Ursula Eichhorn hat bereits sein Berliner Sekretariat geführt. Obwohl er ihr nur Osttarif bieten könne, sei sie nach Potsdam gewechselt, erzählt Schönbohm stolz. Schießlich noch ein Geburtstagsempfang im Berliner Tennisklub Blau-Weiß. Schönbohm pflegt seine Berliner Kontakte, er tanzt auf vielen Hochzeiten. Auf zu vielen?

SPD-Strategen setzen darauf, dass sich Schönbohm in seiner Ungeduld verschleißen wird, dass "sein Tempo für die Märker zu schnell ist". Hinter vorgehaltener Hand heißt es, er sei oberflächlich, verspreche viel, setze nicht alle Absprachen um. Aufmerksam wird bei den Genossen registriert, dass der Innenminister im nächsten Jahr die Gemeindereform unter Dach und Fach bringen will, ein Projekt, das die SPD seit Jahren schleifen lässt und an dem sich der Tausendsassa die Finger verbrennen könnte.

Der entgegnet, er kenne seine Schwächen, auch die Risiken, das Unerbittliche der Politik. Dennoch glaubt er, an allen Fronten präsent sein und das auch durchhalten zu können. Schönbohm sagt, dass er die CDU bis 2004 zur stärksten politischen Kraft im Lande machen wolle. Ist das alles? Wird er sich dann zurückziehen? Viele sind überzeugt, dass er Stolpe beerben, erster Regierungschef von Berlin-Brandenburg werden wolle, für das er die Werbetrommel rührt. Dabei käme ihm etwas zugute, das niemand sonst bieten kann: Regierungserfahrung in Berlin und Brandenburg. Wie kein anderer könnte er als Mittler zwischen Ost und West, zwischen Eisenhüttenstadt und Zehlendorf wirken. Regierungschef zu werden, hätte seinen Reiz, sagt Schönbohm nur. Etwas anderes würde ihm auch niemand abnehmen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben