Politik : In Bremen ist Musik drin

Bei der Landtagswahl in einer Woche könnte erstmals wieder Rot-Grün zum Zuge kommen

Eckhard Stengel[Bremen]

Der Titelverteidiger kommt pünktlich wie ein ICE: mit 15 Minuten Verspätung. Gut gelaunt entsteigt er einem Kleinbus, an dessen Seiten Foto und Name des Bremer Bürgermeisters prangen. Jens Böhrnsen ist auf Straßenwahlkampftour für die Bürgerschaftswahl am 13. Mai, die einzige deutsche Landtagswahl dieses Jahres. Heute trägt der SPD-Spitzenkandidat ausnahmsweise mal keinen edlen Anzug, sondern eine schwarze Boss-Jeans und ein hellblaues Hemd, die Ärmel hochgekrempelt.

Das links-alternative Ostertorviertel ist für Sozialdemokraten ein schwieriges Pflaster, aber der 57-Jährige wird immer wieder freundlich gegrüßt. „Moin, moin!“, „Hallo Jens!“, „Tach, Herr Böhrnsen!“ – es ist fast wie bei seinem Vorgänger, dem leutseligen Landesvater Henning Scherf. Nach nur 18 Monaten Amtszeit scheint der ehemalige Verwaltungsrichter und Ex-Fraktionschef Böhrnsen annähernd so beliebt zu sein wie „Henning der Große“, auch ohne dauernd wildfremde Menschen zu umarmen. Ein freundliches Lächeln, vielleicht eine flüchtige Berührung am Arm: Das ist Böhrnsens Art, auf Menschen zuzugehen.

Am SPD-Stand im Ostertor hängt ein Plakat: „Mindestlohn jetzt“. Nur dieser Schriftzug leuchtet kräftig rot; der Rest ist in Rotbraun gehalten wie fast alle Bremer SPD-Wahlplakate, die mit kleingedruckten staatsmännischen BöhrnsenWorten gefüllt sind („Wirtschaft und Wissenschaft schaffen echte Arbeit. Wir blicken nicht sorglos, aber zuversichtlich nach vorn“). Die Farbe erinnert an Rost – als hätte die SPD nach über 60 Jahren an der Macht kein frisches rotes Blut mehr in den Adern. Dabei hat der neue Bürgermeister seinen Genossen durchaus Anstöße gegeben: Der Sohn eines Werftbetriebsratschefs hat sie wieder auf soziale Gerechtigkeit getrimmt.

Keine 30 Schritte vom SPD-Stand entfernt haben die Grünen ihren Tisch aufgebaut. Die räumliche Nähe ist Zufall, aber symbolträchtig. Denn die bisherige Oppositionspartei mit ihrer parteiübergreifend geachteten Spitzenkandidatin Karoline Linnert (48) und Teile der SPD wollen unbedingt koalieren. Damit würden sie einem Superlativ ein Ende bereiten: Bremen wird seit zwölf Jahren von einer großen Koalition regiert – das ist die dienstälteste aller Bundesländer. Aber die SPD ist in dieser Frage gespalten und will sich noch nicht festlegen.

Als Böhrnsen zufällig der wahlkämpfenden Grünen-Chefin Claudia Roth in die Arme läuft, fragt sie ihn gleich: „Packen wir das hier? Das wäre doch ein Zeichen für den Bund!“ Aber Böhrnsen lässt sich zu keiner Koalitionsaussage hinreißen. Lächelnd wünschen sich beide gegenseitig „alles Gute“, und der Bürgermeister verschwindet zum Mittagsimbiss in einer Sandwich-Bar.

CDU-Spitzenkandidat Thomas Röwekamp hat es da einfacher. Er muss nicht unbedingt in fremder Leute Lokale einkehren, denn er betreibt sein eigenes. In guter Citylage hat er sich einen ehemaligen Laden für Rapper-Klamotten gemietet und zum Wahlkampflokal umrüsten lassen. „Dürfen wir Sie auf einen Kaffee einladen?“, fragen junge Helfer vorm „Café Röwekämp“ die Passanten.

Röwekamp will weiter mit der SPD regieren. Ist das auch der Grund dafür, dass der erstmals antretende Spitzenkandidat gegen innerparteilichen Widerstand eine neue Wahlkampfstrategie durchgesetzt hat, nämlich soziale Themen hervorzuheben? SPD und Grüne jedenfalls finden diesen Wandel unglaubwürdig und argwöhnen, Röwekamp wolle sich damit nur der SPD an die Brust werfen. Die Wählerschaft scheint es ihm ebenfalls nicht zu danken: Bei Umfragen für ARD und ZDF waren die CDU-Werte jüngst so niedrig wie Bremer Hügel: 26 bis 28 Prozent. Die SPD käme auf 40 bis 42 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen auf 14 bis 14,5.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben