Politik : In Dagestan sind 4000 Menschen auf der Flucht vor dem drohenden Bürgerkrieg

Elke Windisch

Neu-Huschtadß liegt 16 Meter unter NN, und der Ortsname scheint absurd: "Hinter dem Bergsturz". Passender wäre "Hinter dem Schilfwald", denn hinter dem Röhricht, so groß und so hoch, dass ein Erwachsener sich in ihm verlaufen kann, ducken sich ein paar Dutzend Häuser unter dem Gluthauch der Kaspi-Ebene. Die Ödnis, knapp so groß wie Mecklenburg, war früher kaum besiedelt, taugte nicht einmal zur Viehweide und war bis vor kurzem Terra incognita für den Rest der Welt.

Jetzt ist dieser Zipfel von Russlands südlichster und ärmster Teilrepublik Dagestan für die Weltöffentlichkeit zum Begriff geworden: Bewaffnete Glaubenskämpfer haben neun der insgesamt sechzehn Dörfer besetzt und einen islamischen Gottesstaat proklamiert wie vor hundertfünfzig Jahren Imam Schamil, der in Tschetschenien und Dagestan bis heute als Nationalheld und Heiliger verehrt wird. Die Neuauflage des Schamilschen Imamats ist umstritten. Doch mit Gegnern machen dessen Erben kurzen Prozess: Die Männer werden als Geiseln einbehalten, Frauen, Kinder und Alte ausgewiesen, 4000 Menschen sind auf der Flucht.

Moskau geht gegen die Glaubenskämpfer mit Waffengewalt vor. Weil diese über die tschetschenische Grenze eindrangen, befürchten viele einen neuen Krieg zwischen Moskau und der Rebellenrepublik. In Wahrheit aber kämpfen in Dagestan vor allem Dagestaner gegen Dagestaner. Jahrzehntelang aufgestaute Aggressionen und interethnischer Zwist könnten sich in einem Bürgerkrieg entladen, der die Zwei-Millionen-Republik in Atome zersprengt.

In den Dreißigern befahl Stalin die Urbarmachung der Kaspi-Ebene; Tausende, vor allem Awaren, wurden aus den Bergen zwangsumgesiedelt. Die Awaren sind mit einer halben Million das größte der über 35 dagestanischen Völker, die auf einem Gebiet, das knapp so groß wie die Schweiz ist, eher schlecht als recht zusammenleben. Sieben Jahre schippten sie am "Kanal der Oktoberrevolution", der die Niederung trockenlegte. Eines der Neuland-Dörfer nannten die Vertriebenen Neu-Huschtadß, zur Erinnerung an das verlassene Bergdorf.

Der Erfolg des Renommierobjektes war bescheiden. Viele Umsiedler starben lange vor der ersten Ernte: Abends stiegen die Malariamücken in Schwärmen aus den Sümpfen auf. Andere verhungerten Anfang der fünfziger Jahre nach Missernten in dem voreilig zur Kornkammer erklärten Gebiet. Seit auch noch staatliche Abnahmegarantien wegfielen, ist der Kolchos bankrott. Viele Familien versuchten mit Gemüseanbau den Einstieg in die Marktwirtschaft. Eine Sackgasse: Moskau, das in jedem Kaukasier einen potenziellen Verbrecher sieht, blockiert den Export in andere Regionen Russlands. Der Markt in der Hauptstadt Machatschkala aber kann das Überangebot nicht verkraften. "Für all die Plackerei kann ich höchstens zwei Sack Zucker kaufen", klagt Manaschß und richtet den gekrümmten, schmerzenden Rücken auf. "Dort", sagt die dreißigjährige Diplomingenieurin und zeigt mit der Hacke auf die Berge am hitzeflirrenden Horizont, "dort sind die Sterne größer und die Menschen glücklicher." Anfang August, wenn "dort" das uralte Fest der Ährenreife gefeiert wird, bricht ganz Neu-Huschtadß in die alte Heimat auf.

Fast zehn Stunden dauert die Fahrt, obwohl die Strecke nur 207 Kilometer lang ist. Nur Jeeps können die schmale, kurvenreiche Kiespiste befahren. Links, wo die Schlucht über hundert Meter tief abfällt, gurgeln die weißen Wasser des Andi-Koysu, rechts ragt die Hauptkette des Großen Kaukasus nahezu senkrecht in den Himmel. Die fahle Abendsonne lässt das Gras auf den Hängen schwefelgrün aufleuchten. Tsumadß - "bei den Adlern" - nennen die Awaren den Wilden Westen der Republik, der an Tschetschenien und Georgien grenzt."

360 Familien wohnen heute noch in Alt-Huschtadß. Doch von Feststimmung ist nichts zu spüren. Furcht geht um in den Häusern, die deren Bewohner direkt in den Fels gehauen haben, um Ackerland zu sparen. Anfang vergangener Woche kam der Krieg in die Adlernester. In der Nacht zum Sonntag kamen in Huschtadß die ersten Flüchtlinge an. Napisat, 73 und hier geboren, hat Mühe, ihre Gedanken zu ordnen: "Sie haben unsere Kuh geschlachtet und das Korn beschlagnahmt. Meiner Schwiegertochter haben sie sogar den Goldschmuck weggenommen. Im Heiligen Krieg müsse jeder Opfer bringen, haben sie gesagt."

Um Huschtadß selbst machen die Glaubenskämpfer bislang einen großen Bogen: Die Dorfgemeinschaft, so Muhammad Said Hadschi Ghasijew, Herr über 66 Bienenvölker und Imam, also gewählter Dorfgeistlicher, habe schon 1996 beschlossen, "am alten Glauben festzuhalten und den Wachabbiten die Tür zu weisen."

Traditionell bekennen sich die Völker des Nordkaukaus zum Sufismus, einer mystischen Seitenrichtung des sunnitischen Islams. Mit Wachabbiten meint Ghasijew Anhänger einer Rückkehr zum Urislam Mohammeds, wie er in Saudi-Arabien Staatsreligion ist. Ihr Ziel ist ein globaler Gottesstaat. Eine Vision, für die Freischärler von der arabischen Halbinsel aggressiv missionieren, die während Moskaus Krieg im Kaukasus Mitte der Neunziger auf Seiten der Tschetschenen kämpften. Trotz Verbots des Imams wirbt auch Dorfschullehrer Abdullah für die neue Heilslehre: "Bald werden wir hier an 16 Fronten gleichzeitig losschlagen. In der Ebene und in den Bergen. Dagestan muss aus der Russischen Föderation austreten und sich mit Tschetschenien vereinigen." Abdullah, der seit Beginn der islamischen Invasion einen Krummdolch am Gürtel trägt, schwärmt von einer "unabhängigen nordkaukasischen islamischen Republik vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer."

So steht es auch im Programm des "Kongresses der Völker Tschetscheniens und Dagestans", der 1997 von der Partei "Islamische Nation" des tschetschenischen Ex-Außenministers Mowladi Udugow und von führenden Wachabbiten Dagestans gegründet wurde. Vorsitzender des Kongresses ist Schamil Bassajew, der im Juni 1995 im südrussischen Budjonnowsk mehrere Hundert Geiseln nahm und Moskau damit an den Verhandlungstisch zwang, um den Tschetschenienkrieg zu beenden. "Bassajew", seufzt Imam Ghasijew, "ist das Idol unserer jungen Männer".

Kein Wunder. Im armen, strukturschwachen Dagestan liegt die Arbeitslosenrate bei über 70 Prozent. Die Bergdörfer haben nur Jobs als Kuh- und Schafhirten zu vergeben. Bassajew hingegen bietet mehr: eine militärische Ausbildung, eine Knarre, ohne die ein Kaukasier sich vorkommt wie ein kastrierter Mann, und einen gut bezahlten Job in den Milizen des Kongresses - den Dschamats. Übersetzt heißt "Dschamat" etwa "Rotte"; etwa 300 operieren bereits in Dagestan. Die meisten ihrer insgesamt 2000 Kämpfer waren an der Besetzung der Bergdörfer beteiligt. "Dass die Glaubenskämpfer vor allem Tschetschenen sind, ist ein Märchen aus Moskau", sagt Imam Ghasijew. "Zwar sind einige Tschetschenen dabei und auch Muslime aus Russland und den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, aber die meisten sind Dagestanis. Wir sind vom Bürgerkrieg nur noch einen halben Schritt entfernt."

Das scheint nicht übertrieben. Die Bevölkerung fordert bei Versammlungen bereits die Aufstellung bewaffneter Heimwehren, auch weil die russischen Einheiten, die eilends ins Krisengebiet verlegt wurden, sich einige Fehler geleistet haben. Beim Sturmangriff auf die Stellungen der Wachabbiten am Sonntagabend wurden die Zielkoordinaten falsch eingegeben. Eine Granate landete in den eigenen Reihen und tötete vier dagestanische Milizionäre. Am Montag bombardierte ein russisches Kampfflugzeug ein Grenzdorf in Georgien.

"Die Bewaffnung der Bevölkerung wäre das sichere Ende Dagestans", fürchtet Mohammed Alijew, Anglistik-Professor in Machatschkala, der seinen Urlaub jeden Sommer in Huschtadß verbringt, wo er geboren ist: "Ströme von Blut würden fließen angesichts des aufgestauten Konfliktpotentials." Aggressiv ist vor allem die Stimmung zwischen Awaren und Kumyken. Diese sind die drittgrößte Volksgruppe Dagestans und wollen den Awaren das Land wieder abnehmen, weil ihnen die Kaspi-Ebene vor der Urbarmachung allein gehörte. Schon im Herbst 1991 wäre der Konflikt um Haaresbreite zum Bürgerkrieg eskaliert. Ähnlich gespannt ist das Verhältnis zwischen Awaren und Lesginen, die die Wiedervereinigung mit der größeren Hälfte der Volksgruppe in Aserbaidschan fordern.

Oberflächlich befriedet wurden die Konflikte durch ein kollektives Führungsorgan - den vierzehnköpfigen Staatsrat, in dem die größeren Nationen entsprechend ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung vertreten sind. Doch der wurde nicht direkt gewählt, sondern im Juni vergangenen Jahres von einer Verfassungsversammlung ernannt, deren demokratische Legitimation ebenfalls umstritten ist. Von nicht erfüllten Forderungen nach freien Wahlen profitieren jetzt die Islamisten. "Die Entwicklung war vorauszusehen", sagt Professor Alijew: "Doch der Geheimdienst in Moskau hat sie verschlafen". Dessen bisheriger Chef, Wladimir Putin, hätte nach Meinung Alijews daher zurücktreten müssen. Boris Jelzin ist offenbar anderer Meinung. Er ernannte Putin am Montag zum neuen Regierungschef, der Russland zudem "als Präsident ins 21. Jahrhundert führen soll".

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