• In dem Bürgerkriegsland hoffen viele auf eine Eindämmung der Gewalt nach den bevorstehenden Parlamentswahlen

Politik : In dem Bürgerkriegsland hoffen viele auf eine Eindämmung der Gewalt nach den bevorstehenden Parlamentswahlen

Stefan Koch

Nach den Wahlen wird alles besser. Marc Smith zählt die Tage bis zum kommenden Sonntag. Dann soll das erste Parlament nach dem Ende des Bürgerkrieges in Tadschikistan frei gewählt werden. Opposition und Regierung können sich dann ganz zivilisiert gegenübersitzen und friedlich über ihre Politik streiten. Ohne Gewehre und ohne Autobomben. Aber noch ist nicht Sonntag und Marc Smith ist erleichtert, wenn er abends unversehrt seine Wohnung erreicht. Nur aus der Ferne hört er dann die dumpfen Bombenexplosionen, die seit zwei Wochen die Hauptstadt Duschanbe erschüttern. Smiths bescheidene Wohnung liegt mitten im Stadtzentrum von Duschanbe. Der 35-jährige Jurist stammt aus Boston und berät im Auftrag des US-Kongresses die Parteien der jungen Republik.

Noch vor acht Wochen, kurz bevor er seinen Job in dem zentralasiatischen Land antrat, hätte er nicht gedacht, dass das Leben in einer Hauptstadt so trostlos sein kann. Mit seinen 600 000 Einwohnern gibt es in Duschanbe zwar einige Kneipen. Für ihn als Westler ist es dort aber einfach zu gefährlich. Vor allem abends, wenn bewaffnete Banden durch die Straßen ziehen.

Der "Wahl-Kampf" in Tadschikistan ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Regierung unter Präsident Emonali Rachmanow schloss zwar mit der oppositionellen "Islamischen Bewegung" offiziell einen Waffenstillstand. Dennoch vergeht seit zwei Wochen keine Nacht in Duschanbe, ohne dass mehrere Bomben explodieren und unschuldige Menschen sterben. Wahlbeobachter der OSZE sind dennoch vorsichtig optimistisch. An dem Friedenswillen der islamischen Opposition gebe es keinen Zweifel. Es habe lange genug Krieg geherrscht, meinen auch die Kandidaten für die Parlamentswahl einhellig. Kaum ein Interesse an einem stabilen Frieden haben dagegen die Feldkommandeure, die im Osten ihr Unwesen treiben. Sie gehörten mit ihren bewaffneten Trupps während des Bürgerkrieges mal zur Opposition und mal zum Regierungslager. Seit dem Waffenstillstand kümmern sie sich nur noch um ihre eigenen Geschäfte: vor allem um den Transport von Drogen vom benachbarten Afghanistan in alle Welt.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Beginn des Bürgerkrieges glaubten viele Beobachter zunächst, dass sich in dem Hochgebirgsland militante Islamisten und die altkommunistische Garde gegenüberstehen würden. Mitte der 90er Jahre zeigte sich aber immer mehr, wie schwer durchschaubar der Frontverlauf ist. Eine Ursache dürfte in der willkürlichen Grenzziehung liegen, die auf Stalin zurückgeht. Viele Tadschiken leben in Afghanistan und in Usbekistan. Buchara und Samarkand, die alten Glaubenszentren dieses persischen Volkes, gehören ebenfalls zu Usbekistan. Andererseits setzt sich die Bevölkerung in den fruchtbaren Tälern im Süden Tadschikistans zu einem Drittel aus Usbeken zusammen. Noch komplizierter verhält es sich im Pamirgebirge, wo sich einige Clans bis aufs Messer bekämpfen. Ihre Herrschaftsgebiete orientieren sich allerdings weniger an angestammten Siedlungsgebieten, als vielmehr an den Routen für den Drogenhandel.

Die Leidtragenden dieser Kämpfe sind in erster Linie einfache Bauern, die im Gebiet der Stadt Garm sogar vom Hungertod bedroht sind. Nur durch Initiativen von internationalen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und die Deutsche Welthungerhilfe wird das Schlimmste verhindert. Finanziert von der EU, werden etwa 100 000 Menschen regelmäßig mit Mehl, Salz und Speiseöl versorgt. Der US-Berater Smith ist sich sicher, das auch diese Menschen von den Parlamentswahlen profitieren werden. Auch wenn die neue Regierung den Kleinkrieg gegen die Rebellen nicht sofort gewinne, könnte sie zumindest für mehr Sicherheit auf den Fernstraßen sorgen.

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