• In den USA wurde 1973 die Wehrpflicht abgeschafft - ein Modell für Deutschland? (Kommentar)

Politik : In den USA wurde 1973 die Wehrpflicht abgeschafft - ein Modell für Deutschland? (Kommentar)

Robert von Rimscha

Was heute in Deutschland erwogen wird, hat Amerika schon 1973 getan: die Wehrpflicht abgeschafft. Die Begründung ähnelt damals jener, mit der heute in der Bundesrepublik der Sinn der Wehrpflicht bezweifelt wird: Es geht um Gerechtigkeit. Wenn ein Land weniger Soldaten braucht, als die allgemeine Wehrpflicht zur Verfügung stellen würde, wie können Einberufungen dann so erfolgen, dass alle Schichten gleichmäßig betroffen sind?

In den USA war diese Gerechtigkeitsdiskussion nicht akademisch, sondern höchst real. Der Vietnam-Krieg hatte drastisch vorgeführt, dass die USA von einigen jungen Bürgern die Bereitschaft zum Sterben verlangten, während andere nach Kanada zogen oder ihre Musterungspässe verbrannten. John Kerry, der in Vietnam kämpfte und heute für die Demokraten im US-Senat sitzt, sagt dazu im Rückblick: "Die Wehrpflicht war auf grausame Weise ungerecht, ungleich und unfair und hat mitgeholfen, unser Land tief zu spalten."

Wenn man sich Kerrys Heimat, Boston, anschaut, versteht man das Problem. In dem Viertel South Boston leben irisch-katholische Einwanderer aus der Arbeiterklasse. Zehn Kilometer weiter nördlich liegt, an derselben U-Bahn-Linie, der Campus von Harvard. Pro 1000 Wehrpflichtige fielen in den 60ern aus dem Malocher-Kiez South Boston 13 in Vietnam, in Harvard war es einer. Das war überall so: Wer zur Elite gehörte, lebte länger.

Diese Ungerechtigkeit gab den Ausschlag, die US-Wehrpflicht abzuschaffen. Manche glauben sogar, dass der Vietnam-Krieg innenpolitisch erst unhaltbar wurde, als die Kids aus South Boston und ihre schwarzen Altersgenossen aus dem ländlichen Süden und den Großstadt-Ghettos als Kanonenfutter nicht mehr ausreichten und erstmals der Nachwuchs in den Vorstädten angezapft wurde. So lange nur Amerikas Arme in Vietnam kämpften, kümmerten sich nur wenige um den Krieg.

Seit 1973 haben die USA eine Berufsarmee. Die Bezahlung fällt je nach Wirtschaftslage aus. Herrscht Rezession, kommt der Nachwuchs freiwillig. In den gegenwärtigen Boomzeiten haben das Heer und in geringerem Umfang auch Luftwaffe und Marine Nachwuchssorgen und bieten bis zu 50 000 Dollar Prämie für die Verpflichtung für vier Jahre. Nur die Marines, die kleinste Teilstreitkraft, erfüllt ihr Rekruten-Soll. Und das, obwohl die Gesamtzahl aller Soldaten seit dem Ende des Kalten Krieges von 1 300 000 auf 840 000 gesunken ist.

An der sozialen Komposition der Armee hat sich wenig geändert. Die Unterschicht, sowohl die schwarze als auch die weiße, ist überrepräsentiert. Die Mittelschicht schickt ihre Kinder aufs College, nicht in die Kasernen. Amerika wird im Ernstfall von Armen verteidigt. Nur kann sich die Mehrheit jetzt damit trösten, dass die Sterbebereitschaft wenigstens freiwillig ist.

Abgesehen von diesen zwiespältigen Vorzügen der höheren Wehrgerechtigkeit fällt die Bilanz gemischt aus. Der wichtigste gesellschaftliche Vorteil des Wehrpflicht-Endes ist der Gewinn an persönlicher Freiheit. Ein Jahr weniger Schule, dann vier Jahre verschultes College, keine Dienstpflicht: Die meisten jungen gut ausgebildeten Amerikaner starten mit 22 ins Berufsleben. Ohne diese Yuppie-Schicht hätten die 80er und die 90er Jahre so nicht funktioniert.

Das größte Manko ist die Entfremdung zwischen Zivilem und Militärischem. Die Kaste der professionellen Krieger bildet zwar keinen Staat im Staate und bedroht auch nicht die Demokratie. Sie wendet sich einfach mit Grausen von der Zivilgesellschaft ab. Sozial waren die meisten Offiziere stets konservativ. Doch erst in den vergangenen 20 Jahren ist das US-Offizierskorps auch parteipolitisch konservativ geworden. Heute gibt es kaum noch Demokraten in den Top-Rängen. Bill Clinton, der in Oxford gegen Vietnam demonstrierte, ist für viele Militärs der Inbegriff dessen, was faul ist im Lande. Dagegen wird nicht geputscht, davon sondert man sich ab.

Die Demokratie, so die amerikanische Erfahrung, ist auch ohne Wehrpflicht nicht in Gefahr. Die Debatte in den USA dreht sich daher um viel pragmatischere Fragen. Seit Jahren diskutiert man, ob es eine Art Dienstpflicht mit der Wahl zwischen zivilen und militärischen Verwendungen geben sollte. Sie soll dazu dienen, das Gemeinwohl zu stärken. Über eines wird in Amerika bei solchen Gedankenspielen erst gar nicht diskutiert: dass Frauen selbstverständlich mitbetroffen wären.

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