Politik : In der Lernkurve

Von Ursula Weidenfeld

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Irgendwie denkt man immer, dass in Berlin mehr Dinge als anderswo mit großem Getöse unerledigt bleiben. Gute Schulen für alle, zum Beispiel, wird es in dieser Stadt niemals geben. Da sind sich die meisten Eltern sicher. Eine Fusion von Berlin und Brandenburg – in erreichbarer Zukunft total aussichtslos, das würde fast jeder Politiker beschwören. Ein Innovationskern für Gesundheit, Forschung, Biotechnologie und Pharmaindustrie? Leider eine Utopie, wenn dieser Kern jetzt zerschlagen, wenn Schering feindlich übernommen werden sollte. Und dennoch: Vor zehn Jahren waren es das Holocaust-Mahnmal, der Großflughafen und das Stadtschloss, über die erbittert und scheinbar ohne jede Aussicht auf Erfolg gestritten wurden. Heute gibt es das Holocaust-Mahnmal, ist der Flughafen genehmigt und der Platz für das Stadtschloss immerhin schon einmal geräumt. Es hat sich etwas bewegt.

Ja, und was man in der Innensicht ein bisschen ermattet und auch ein wenig erstaunt zur Kenntnis nimmt, das fällt den von außen Kommenden auf, fasziniert sie sogar. Die Kulturschaffenden beispielsweise sind wieder vom Gute- Laune-Berlin überzeugt. Vielleicht vertragen sie die wechselnden Stimmungen einfach besser und schneller als normale Menschen. Vielleicht sind sie eher in der Lage, sie für sich zu nutzen und sich davon zu ernähren. Das aber müssen die anderen Teilnehmer, Teilhaber Berlins auch lernen. Der Kampf um Schering und die Genehmigung für den Flughafen Schönefeld zeigen deutlich, wie schnell sich der Rhythmus einer Region auch außerhalb der kreativen Szene mit einzelnen Entscheidungen, mit positiven Entwicklungen oder negativen Schocks ändern kann.

Selten wurde klarer, wie trügerisch die Gewissheiten der Wirtschaftsplaner und Standortentwickler sein können. Eine Gesundheitsstandort-Initiative darf nicht ein Projekt mit begrenztem Zeithorizont sein und im Wesentlichen auf ein Unternehmen setzen. Selbst wenn Schering übernommen wird, bleibt vieles übrig, auf dem sich aufbauen, was sich ausbauen lässt, zusätzlich zu dem, was ohnehin da ist – Universitäts- und Unternehmensforschung, Berlin-Chemie und Adlershof, Vivantes und Charité. Doch der Übernahmekampf macht auch deutlich, was es braucht, um ein guter Standort für die Wirtschaft und für Arbeitsplätze zu werden oder zu bleiben: aktive und wache Beteiligte auf allen Seiten.

Warum hat sich Schering jahrelang als Übernahmekandidat handeln lassen, ohne selbst aktiv zu werden? Warum reagieren Wirtschaftssenator Harald Wolf und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, anstatt wirtschaftspolitisch zu agieren? Warum werden zwar in rascher Folge Kompetenzfelder definiert, aber nur zögernd besetzt? Wirtschaftspolitik fängt nicht erst mit ein paar Nachtschichten an, wenn das Übernahmeangebot auf dem Tisch liegt. Vorausschauende Wirtschaftspolitik besteht darin, einen Standort so zu stabilisieren, dass seine Befindlichkeiten nicht von einzelnen Entscheidungen abhängen, ob die nun von Verwaltungsrichtern in Leipzig oder von Konzernzentralen in Darmstadt ausgehen.

Wahrscheinlich wird es in zehn Jahren in Berlin zur Überraschung aller viele gute Schulen geben. Es wird vermutlich eine Genehmigung für etwas Stadtschlossähnliches an der Stelle des Palasts der Republik vorliegen. Möglicherweise wird man sogar einer Länderfusion entgegensehen. Ob sich auch die wirtschaftliche Lage der Stadt wahrnehmbar verändert haben wird, hängt allerdings davon ab, wie steil die Lernkurve der Beteiligten ist. Möglicherweise hat Berlin dann ein Dax-Unternehmen, vielleicht die Bahn. Möglicherweise wird auf dem Schering-Gelände im Wedding immer noch erfolgreich geforscht, entwickelt und produziert, vielleicht ist eine Gesundheitsstadt dann Realität. Dann werden sich alle ein bisschen ermattet und wenig erstaunt die Augen reiben und feststellen, dass sich auch in der Wirtschaft viel bewegt hat.

Utopisten sind eben doch Realisten. Jedenfalls manchmal. In Berlin.

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