Politik : In der Mitte eingeklemmt

Von Alfons Frese

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Die Bochumer Opelaner haben gewonnen. Indem sie für ein paar Tage die Arbeit verweigerten, trotzten sie der Firma eine Arbeitsplatzgarantie ab. Das war vor vier Jahren. Damals arbeiteten bei Opel 13500 Personen, heute sind es 9600. Wie viele werden es in vier Jahren sein? Am Dienstag haben Zehntausende in mehreren europäischen Städten demonstriert, gegen die Abbaupläne der OpelMutter General Motors (GM), gegen die eigene Angst vor der Arbeitslosigkeit, für die Solidarität aller europäischen GM-Arbeiter. Die Demonstrationen verschafften kurzzeitig eine höhere Selbstachtung: Wir lassen nicht alles mit uns machen. So soll es sein, der Standort Deutschland wird ja auch geprägt von seiner selbstbewussten Arbeiterschaft, die das Land aufgebaut hat. Aber jetzt ist es gut mit Protesten und Arbeitsniederlegungen.

Betriebsrat und Unternehmensführung wollen verhandeln und die Bedingungen ausloten für sichere Arbeitsplätze über 2010 hinaus. Sie werden sich vermutlich einigen und dennoch, wie bereits vor vier Jahren, den ständigen Arbeitsplatzabbau nicht stoppen können. Weil Opel nicht mehr Opel ist, und weil bestimmte Produkte in Deutschland nicht mehr zu den hiesigen Arbeitskosten zu bauen sind. Autos statt Kohle – so sah das aus Anfang der 60er Jahre, als in Bochum die ersten Opel gebaut wurden. Die Bundesbürger waren auf Kadett und Manta ähnlich scharf wie auf den Käfer. In der Hochzeit der Produktion arbeiteten 25000 Opelaner in Bochum. Das kommt nie wieder.

Im Wesentlichen gibt es zwei Ursachen für die Opel-Krise, die beide mit Markt und Management zu tun haben. In den 90er Jahren profilierte sich die europäische Autoindustrie gegenüber Amerikanern und Japanern mit immer besseren Dieselfahrzeugen. Heute wird fast jedes zweite in Westeuropa gekaufte Auto mit Diesel angetrieben. Opel hatte diesen Trend verpennt. Und nachdem die Lücke endlich geschlossen war, rutschte der Markt für Massenautos weg.

Das betrifft vor allem Astra und Vectra, die für Opel mindestens so wichtig sind wie Golf und Passat für VW. Mit dem Minivan Zafira und dessen kleinerem Bruder Meriva hat Opel durchaus erfolgreiche Autos gebaut. Das reichte aber bei weitem nicht, um die Verluste auszugleichen. Wie dramatisch sich der Markt verändert hat, zeigte sich bereits vor ein paar Jahren, als erstmals mehr Mercedes als Opel in Deutschland verkauft wurden. Oben gewinnt die Oberklasse – BMW, Audi, Mercedes – mehr Käufer, unten sind es die Anbieter preiswerter Autos, vor allem die asiatischen und französischen Hersteller. Dazwischen steckt Opel in der Klemme.

Die Arbeitnehmer und ihre Vertreter in Betriebs- und Aufsichtsrat wissen das. Seit langem. Sie wissen auch, dass ein Unternehmen nicht über Jahre Verluste verkraften und die Arbeitnehmer über den Möglichkeiten der Firma entlohnt werden können. Wie der Opel-Vorstand haben auch die Arbeitnehmer immer wieder auf ein Anspringen des Markts gehofft. Eine Illusion. Was jetzt folgen muss, ist für die Beschäftigten bei Opel bitterer als zum Beispiel vor ein paar Jahren bei Ford. Der dort frühzeitiger eingeleitete Kapazitäts- und Personalabbau ging harmloser vonstatten. Für die Opelaner ist das kein Trost. Aber vielleicht die Erfahrung der Stuttgarter Porsche-Betriebsräte, die gestern zum Solidaritätsbesuch nach Bochum kamen. Vor zehn Jahren fast pleite, ist Porsche heute das profitabelste Autounternehmen der Welt.

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