Politik : In der richtigen Spur

Von Alfons Frese

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Mehr als 8000 Leute waren begeistert. So einen Auftritt hatten sie in der Wolfsburger Werkshalle noch nicht erlebt. Wolfgang Bernhard, der neue Chef der Markengruppe VW, sprach am 30. Juni erstmals zur Belegschaft. Wie ein Prediger präsentierte er unangenehme Wahrheiten, aber ohne der Gemeinde Angst zu machen: Die Kostenstrukturen bei VW sind nicht wettbewerbsfähig, die Qualität der Autos nicht gut genug, es werden dringend neue Modelle gebraucht. Wir sind in einer schwierigen Lage, so lautet die Botschaft, aber wenn wir schnell, fleißig und gut sind, schaffen wir es. Bernhard hatte den richtigen Ton getroffen, das Vertrauen der Mitarbeiter gewonnen und damit die Voraussetzung geschaffen, dass er sich bei der VWSanierung auf die Basis verlassen kann. So funktioniert Führung, so reißt man eine Mannschaft mit.

Auf derselben Betriebsversammlung erklärte Betriebsratschef Klaus Volkert seinen Rücktritt. Damit begann die VW-Affäre, die mit der Sitzung der Aufsichtsratsspitze am gestrigen Mittwoch ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Volkert ist weg und Personalvorstand Peter Hartz auch. Das so genannte System VW, das enge Zusammenspiel von Unternehmensführung, Betriebsrat und IG Metall, hat seine Unschuld im Puff verloren. Der Verdacht belastet den Konzern, dass sich Arbeitgeber- wie Arbeitnehmervertreter vom Unternehmen Prostituierte bezahlen ließen.

Und das zum Zweiten das Konglomerat Volkswagen Mitarbeiter dazu einlud, zwielichtige Geschäfte mit dem Konglomerat selbst zu machen. Es flog lange nichts auf, weil ja alle unter einer Decke steckten. Erst die Überprüfung eines ehemaligen Commerzbank-Mitarbeiters führte auf die Spur von Tarnfirmen im Umfeld von VW und zur Kündigung von zwei VW-Mitarbeitern. Zumindest einer von denen packte dann aus, erzählte von Luxusreisen, Huren und Apanagen für Geliebte. Wie kommt das wohl an bei Kunden, die 20000 Euro für einen Golf bezahlen und dann hören, wie süß das Leben in Wolfsburg ist?

Die größten Schlawiner sind über das System gestolpert und müssen den Konzern verlassen. Damit kein Nachwuchs nachrückt, sind erste Schritte getan. Der neue Betriebsratschef hat sein Gehalt offen gelegt und wird künftig für transparente Betriebsratsfinanzen sorgen. Der neue Personalchef wird auf Distanz zum Betriebsrat und aufs Geld achten müssen. Die saftigen Jahre für Spitzenfunktionäre und -manager dürfen nicht wiederkommen. Sonst wird es schwierig für Wolfgang Bernhard, VW fit zu machen für den Konkurrenzkampf mit Toyota und Renault, Hyundai und Peugeot.

In den vergangenen zehn Jahren konnte sich Volkswagen Bentley, Bugatti und Lamborghini kaufen und sich die Entwicklung des Oberklassenautos Phaeton leisten, da Polo, Golf und Passat genug Geld einbrachten. Das ist vorbei. Weil die Kunden stärker auf den Preis gucken und weil sich der Markt breit auffächert. Millionenrenner wie früher Käfer und danach Golf gibt es nicht mehr, weil sich die Wünsche der Kunden ausdifferenzieren. Für diese Vielfalt hat VW zu wenig Produkte. Und für einen wirklich wettbewerbsfähigen Golf zu hohe Kosten in Wolfsburg. Bernhard hat angekündigt, wie er VW wieder stark machen will: Mit Autos „fürs Volk“ auf der Markt- und „sozialverträglichen“ Maßnahmen auf der Kostenseite. Der neue Betriebsrat und der neue Personalvorstand werden ihm dabei helfen. Daran hat sich nichts geändert in Wolfsburg. Zu Recht nicht.

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