Politik : In der Sprache der Anderen - Lionel Jospin und Zoran Djindjic zu Gast auf dem Parteitag

Stephan-Andreas Casdorff

Er Ist Rot. Er ist prall. Er ist gesund - der Apfel mit der Aufschrift SPD. Auch Zoran Djindjic ist er in die Hand gedrückt worden. Djindjic, der Gast aus Serbien, wo noch immer der Herr der Kälte herrscht, in Belgrad, wo das tägliche Leben so deprimierend ist, ein "tägliches Leiden". Djindjic erzählt es auf Deutsch, nüchtern und gesammelt. Nur sein Blick auf die Szenerie im Saal zeigt, dass er staunt. Und sich wundert.

Probleme hat die Partei. "Eine Partei muss den Chef voll unterstützen oder ihn auswechseln. Sie darf ihn nicht ramponieren." Djindjic, der Oppositionelle, wünscht es sich für Gerhard Schröder, mit dem er sich verbunden fühlt, und ein wenig vielleicht auch für sich selbst. Was sie verbindet, ist die "politische Linie, absolut". Unpopuläre Dinge zu tun, "ist manchmal nötig", sagt Djindjic. Roter Zoran? Er steht da, in dunklem Anzug, gekleidet wie einer von denen, die heutzutage regieren. "Sparen zum Beispiel ist immer unpopulär." Aber es wird sich auszahlen für Schröder, das weiß der Politiker, der gerne in Serbien regieren würde, "in zwei Jahren". Das sei wie in den ersten Jahren der Regierung Clinton, und der ist ja wiedergewählt. Nur "amateurhaft verkauft" hätten sie die Politik, die "Prioritäten hätten sie vorher klären müssen". Djindjic steht hinten im Saal und schaut.

Er kommt nicht allein. Er ist umringt von Leibwächtern. Er regiert in Frankreich. Lionel Jospin hat sein Manuskript in der Hand. Seinem "Freund" wünscht er "großen Erfolg bei seiner Wahl". Der Partei, der er sich "seit Willy Brandt immer sehr verbunden gefühlt hat", wünscht er Erfolg beim Regieren. Er weiß um die "Spannung", die Anstrengungen, die "Zusammenfügen" bedeuten. Die Probleme der Sozialdemokraten - wenn er sie beschreibt, klingen sie nicht so schwierig. Auf Französisch klingen sie elegant. Diese Sprache macht wie von selbst aus einem Pragmatiker einen Visionär. Vielleicht sollte Schröder Französisch reden, damit ihm die Deutschen genau zuhören und ihn besser verstehen?

"Wir müssen ein Gleichgewicht finden zwischen der Diskussion, für die wir immer gelebt haben, und der Kohäsion, die wir brauchen", erklärt Jospin. "Die Welt braucht Regeln", findet er. "Jedes Land kann stark und gerecht sein innerhalb der EU", sagt er. Europa als als "Wohlstandsraum und Wachstumsbereich", "solidarisch und nachhaltig" - alle haben verstanden. Der französische Premier redet von Freundschaft, Fusionen, Europa. Lionel Jospin erwähnt auch als Erster auf diesem Parteitag die Grünen. Auf Deutsch. Der Beifall ist herzlich, aber nicht wegen der Grünen.

Jospin geht schnell vom Podium zurück in den Saal, Schröder zögert, hält ihn nicht, macht kehrt. Es wirkt steif, ein wenig ungelenk. Dann dreht der Kanzler um, nimmt den direkten Weg, um seinen Kollegen, seinen "Freund" kurz zum Platz in den Reihen der Delegierten zu geleiten. Draußen steht Zoran Djindjic am Internationalen Treffpunkt, die Tagungsunterlagen im Beutel. Er hat die Rede nicht gehört. Er hat selbst geredet, im kleinen Kreis. Über die "schlechteste Politik der Welt", die in Belgrad, versteht sich.

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