Politik : In der Steinzeit

Oliver Heilwagen

Die Kursk war nicht irgendein Unterseeboot und ihr Untergang kein unvermeidliches Unglück. Der 154 Meter lange Koloss galt bei seinem Stapellauf 1994 als das modernste Mehrzweck-U-Boot der Welt. Dem Stolz der russischen Kriegsmarine war eine tragende Rolle in einem Spektakel zugedacht, mit dem die krisengeschüttelte Flotte ihre Macht demonstrieren wollte. Das größte Manöver seit zehn Jahren sollte zeigen, dass Russland die Weltmeere wieder beherrscht. Mit dem Kentern der Kursk zerschellte auch die Hybris der Admiräle auf dem Grund der Barentssee.

Wie Größenwahn und Ignoranz eine Panne zur Katastrophe werden ließen, rekonstruieren Bettina Sengling und Johannes Voswinkel in einem Tatsachenbericht, der spannender als jeder Politkrimi ist. Trotz seiner Melodramatik: In vertrauter Illustriertenmanier küren die Moskauer Korrespondenten des "Stern" einige Besatzungsmitglieder samt Verwandten zu Hauptpersonen, deren Leben, Lieben und Leiden am Polarkreis mitfühlend geschildert wird. Dabei tragen die Autoren zuweilen etwas dick auf. Doch das mindert den dokumentarischen Wert der Reportage nicht.

Ihr zufolge war das Desaster absehbar. Zu den eindrucksvollsten Passagen des Buches zählt die Darstellung des desolaten Zustands der russischen Nordmeerflotte. Es fehlt am Nötigsten: An Treibstoff, Verpflegung, Personal und Erfahrung. Vor allem aber fehlt die Ausrüstung, um mit dem radioaktiven Schrott fertig zu werden, den die Rote Armee hinterlassen hat. Rund 100 ausgemusterte Atom-U-Boote rosten in den Buchten der Barentssee vor sich hin. "Um Murmansk herum lagern mehr giftige und strahlende Abfälle als in allen Zwischen- und Endlagerstätten der westlichen Welt zusammen", stellen die Verfasser fest und sprechen von einem "Tschernobyl zur See".

Die Mangelwirtschaft ist auch für das Ende der Kursk verantwortlich. Sie muss entgegen der Vorschriften mit scharfer Munition zum Manöver auslaufen, weil es keinen Kran zum Ausladen der Torpedos gibt. Die Truppenübung gerät zum Fiasko. Kaum etwas klappt. Auch auf der Kursk nicht: Am 12. August 2000 funkt der Kapitän wahrscheinlich gegen elf Uhr, ein defekter Torpedo drohe zu explodieren. Doch die Kommandantur reagiert nicht. Eine halbe Stunde später erschüttern zwei Explosionen die See: Sie sind das letzte Lebenszeichen des U-Boots. Die später offiziell verbreiteten Erklärungen für den Zwischenfall widerlegen Sengling und Voswinkel minutiös. Für Beschuss durch die eigenen Leute gibt es keine Indizien. Hätte die Kursk indes ein feindliches U-Boot gerammt, wäre eher der Gegner gesunken. Ihr Stolz verbietet jedoch den Admirälen, eigenes Versagen einzugestehen.

Obwohl die Liste der Versäumnisse schier endlos ist. Es dauert zwölf Stunden, bis Alarm ausgelöst wird. Eine Woche lang mühen sich russische Rettungskräfte vergeblich, mit unzulänglichem Material an das Wrack heranzukommen. Hilfsangebote aus dem Westen werden drei Tage lang ausgeschlagen. Als endlich norwegische Taucher mitwirken dürfen, staunen sie über das organisatorische Chaos. "Die Inkompetenz war manchmal atemberaubend", bemerkt der norwegische Vizeadmiral Einar Skorgen. Präsident Wladimir Putin belädt sich genauso wenig mit Ruhm. Sein erster Telefonanruf gilt der Lage des Reaktors, nicht der der Mannschaft. Mit einem TV-Auftritt im Polohemd an seinem Urlaubsort verscherzt er sich viele Sympathien. Erst zehn Tage nach dem Unglück eilt er an den Unfallort und verspricht großzügige Entschädigungszahlungen: Für die Hinterbliebenen der 118 Toten ein schwacher Trost.

Schuld an dem Debakel ist letztlich die Arroganz der Mächtigen, lautet das Fazit. Auch die Analyse des gehobenen Wracks wird diesen Befund nicht ändern. "Für die Herrschenden ist das Volk nur Arbeitsvieh", urteilt Korvettenkapitän Wladimir Jelmanow, der einen anderen Schiffsuntergang überlebte. "Wir fahren Atom-U-Boote und sind moralisch noch in der Steinzeit." Solange das so bleibt, ist die nächste hausgemachte Katastrophe in Russland nur eine Frage der Zeit.

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