Politik : In der Suppenküche Von Robert Birnbaum

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Kurt Beck würde sich wahrscheinlich kopfschüttelnd dagegen verwahren, ein Provokateur genannt zu werden. Und auf den ersten Blick hat der bodenständige Pfälzer ja wirklich wenig von einem Aufrührer an sich. Auf den zweiten, genaueren Blick allerdings hat kein zweiter Spitzenpolitiker im zurückliegenden Jahr so oft Debatten provoziert wie der SPD-Vorsitzende: Von der Leistung, die sich wieder lohnen müsse, über das Wort von den „Unterschichten“ hin zum Rasiertip für Arbeitslose und jetzt, zuletzt, zum Ruf nach dem Ende der Zumutungen. Lange Zeit hindurch war das politische Berlin geneigt, jedes einzelne dieser Zitate als Ausrutscher eines auf Hauptstadtparkett eben doch noch etwas ungelenken Provinzpolitikers zu verbuchen. Aber die Sache hat System. Kurt Beck versucht der Republik sein heimisches Erfolgsrezept schmackhaft zu machen – Kartoffelsupp’ nach Pfälzer Art.

Die Zutaten sind simpel und stammen aus der Volksküche. Wer Beck je daheim als Landesvater erlebt hat, kennt sie schnell wieder: Das Schulterklopfen und Händeschütteln auf den Marktplätzen, das gleich eine heimelige Atmosphäre schafft, dabei dem Volk aufs Maul schauen und immer gerade so viel auch danach reden, dass sich die Leut’ verstanden fühlen. Beck ist stammtischtauglich.

Es sind übrigens keineswegs nur dumpfe Hinterstuben-Bierrunden, die zustimmend nicken, wenn da endlich mal einer sagt, dass jetzt aber bald Schluss sein müsse mit der Reformiererei. Die Sehnsucht nach ruhigeren Zeiten reicht bis tief in die verunsicherte Mitte, umfasst große Teile des Wählerpotenzials einer Volkspartei. Weil sie dieses Bedürfnis völlig ignoriert hat, hat Angela Merkel die Bundestagswahl fast verloren. Beck bedient das Bedürfnis und hofft, die nächste Wahl damit zu gewinnen.

So weit, so einfach. Nur leider: Zu einfach. Mit der politischen Kartoffelsupp’ ist es wie mit Mutterns guter Brühe. Man kann sie rezeptgetreu nachkochen und dabei nostalgisch den Geruch einatmen – aber zurück in die seeligen Kinderzeiten in der behaglich gewärmten Küche führt kein Weg. Auch Becks Rezeptur kann das Versprechen nicht einlösen, das in ihr steckt. Es ist eben nicht so, dass Waschen und Rasieren genügt, um Arbeit zu finden. Es ist erst recht nicht so, dass die Republik sich beruhigt zurücklehnen kann, sobald die große Koalition ihren Koalitionsvertrag abgearbeitet hat. Wo die Grenzen des Zumutbaren liegen, hängt in einer globalisierten Welt längst nicht mehr davon ab, wo ein Politiker sie gerne hätte oder ob „die Leut’“ mit dem Tempo der Veränderung mitkommen.

Die SPD hat das vor einiger Zeit schmerzhaft erkennen müssen. Das Ergebnis war die Agenda 2010. Beck hält an deren Kurs im politischen Alltag fest; er ist bei allem Bemühen ums Populäre kein praktizierender Populist. Aber symbolisch sendet er das gegenteilige Signal aus. Nun ist es weder dem Kanzler Schröder noch bisher der Kanzlerin Merkel gelungen, mit ihrer Art der Pädagogik von oben unbequeme Reformen populär zu machen. Aber dass Veränderung notwendig ist, haben bei allem Murren die meisten doch verstanden. Wenn Beck vom Ende der Zumutungen für die Durchschnittsfamilie mit Durchschnittseinkommen spricht, bricht er nicht nur diesen Erkenntnisprozess ab. Er setzt obendrein das Murren ins volle Recht.

Das wäre in Ordnung für einen, der glaubte, dass etwa ab Mitte 2007 tatsächlich das Gröbste überstanden wäre und sich Deutschland, nunmehr fit für den Weltmarkt, wieder auf altbundesrepublikanische Verteilungsfragen konzentrieren könnte. Aber glaubt Beck das im Ernst? Wenn nicht – und bisher ist er nicht als Parteilinker aufgefallen –, wie will er dann noch Politik machen nach dem selbst erklärten Ende der Zumutungen? Wie sich des Hohngelächters der Konkurrenz von der Linkspartei erwehren? Wie die Chance nutzen, die die Konjunktur dieser Regierung beschert, dass in Zeiten des Aufschwungs manche notwendige Zumutung vielleicht nicht so hart empfunden wird? Das Ärgerliche an Becks Suppenküche ist, dass sie gar kein grundlegend anderes Politikrezept zu bieten hat. Sie verbreitet nur ein bisschen angenehmen Duft.

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