Politik : In der Türkei zieht die Gewalt in die Städte

Susanne Güsten

Istanbul - Es war einer der ersten warmen Frühlingsabende in Istanbul. Im Stadtteil Bakirköy auf der europäischen Seite der türkischen Großstadt flanierten am Sonntag gemeinsam mit hunderten anderen Spaziergängern Fuat Subasi und sein Sohn Baris über die Einkaufsstraße Ebuziya Caddesi. Doch gegen 19 Uhr explodierte dort eine in einer Mülltonne versteckte Bombe. Fensterscheiben und Schaufenster zerbrachen, Glassplitter flogen umher. Fuat Subasi erlitt eine Schnittwunde an der Stirn. „Ich hatte große Angst, dass meinem Sohn etwas passiert“, sagt der Vater später. Baris geschah nichts, aber 31 andere Menschen wurden bei dem Anschlag verletzt.

Noch am Montag gab es nur Mutmaßungen darüber, wer die Bombe gelegt haben könnte. Der verwendete Plastiksprengstoff A-4 und der eingesetzte Zündmechanismus – die Explosion wurde per Telefon ausgelöst – deuten auf militante Kurden hin. Erst vor wenigen Tagen hatten die „Freiheitsfalken Kurdistans“ (Tak) auf ähnliche Weise in Istanbul versucht, einen Bus in die Luft zu sprengen, der Richter und Staatsanwälte zur Arbeit bringen sollte.

In den vergangenen Woche hatten militante Kurden immer wieder Busse der städtischen Verkehrsbetriebe attackiert und gezeigt, dass sie auf den Alltag in Istanbul zielen. Wie angespannt die Stimmung ist, zeigte sich kurz nach der Explosion in Bakirköy. Als ein Augenzeuge auf die Polizisten am Tatort zuging, um seine Aussage zu machen, glaubten Umstehende, einen Selbstmordattentäter vor sich zu haben, und verprügelten den Mann.

Es sieht fast so aus, als stünde die Türkei vor einem blutigen Sommer. Bei Anschlägen und gewalttätigen Demonstrationen in Istanbul und im Kurdengebiet im Südosten des Landes sind in den vergangenen Wochen mehr als 20 Menschen getötet worden; noch einmal so viele Menschenleben kosteten die neu aufgeflammten Kämpfe zwischen der türkischen Armee und kurdischen Rebellen. Nach Einschätzung der Sicherheitskräfte operieren die Rebellen im Kurdengebiet unter dem Namen PKK; in Istanbul und der Westtürkei treten die kurdischen Extremisten dagegen als „Freiheitsfalken“ auf.

Die Rebellen verlangen von der türkischen Regierung, sie als Verhandlungspartner zu akzeptieren und eine Generalamnestie für alle 5000 PKK-Kämpfer zu erlassen. Ankara lehnt das ab. Da im kommenden Jahr Staatspräsident und Parlament neu gewählt werden, ist Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan allerdings nicht in der Stimmung für innenpolitisch kontroverse Kompromisse. Als einige Abgeordnete seiner eigenen Partei den Regierungschef vor kurzem auf die Forderung nach einer Generalamnestie ansprachen, fuhr Erdogan sie wütend an, sie sprächen bereits selbst wie die Vertreter der PKK.

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