Politik : In der verbotenen Stadt

Nach dem Tod afghanischer Zivilisten kommt es in Kabul zu schweren Ausschreitungen gegen die USA

Shah Marai (AFP)

Kabul - Wenige Stunden nach dem von der US-Armee verschuldeten Tod afghanischer Zivilisten regiert in der afghanischen Hauptstadt Kabul die Gewalt. Etwa tausend mit Stöcken, Messern oder alten Säbeln bewaffnete Demonstranten ziehen durch das belebte Stadtviertel Schar-i-Nau, setzen eine Polizeiwache in Brand und zünden ein Bild des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai an. „Tod Amerika, Tod Karsai und Tod der Polizei“, rufen die Menschen. Sie ziehen in das Botschaftsviertel, in dem die meisten ausländischen Vertretungen und die Büros internationaler Organisationen liegen. Immer wieder hallen Schüsse durch die Innenstadt, Autos und Häuser stehen in Flammen. Erst am Montagnachmittag wird es in Kabul wieder ruhig.

Sie habe Schüsse in ihrem Viertel gehört, sagt die UN-Mitarbeiterin Marina Walter. Die Vereinten Nationen verlegen ihr Personal in Kabul in Bunker oder sichere Gebiete und erklären die Innenstadt zur verbotenen Zone. „Wo sind die Amerikaner?“ ruft ein Afghane, der sich mit anderen den Weg zur US-Vertretung bahnen will. Doch die – meist jugendlichen – Demonstranten gelangen nicht zu der besonders gesicherten Straße, an der die US-Botschaft und das Hauptquartier der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (Isaf) liegen. Polizei und Soldaten blockieren die Einfahrten mit Maschinengewehrposten und Sandsäcken.

Mindestens zwei Menschen werden nach Angaben von Augenzeugen erschossen, als sie versuchen, eine der Polizeisperren im Botschaftsviertel Wasir Akbar Chan zu durchbrechen. Ein weiterer Mann sei vor dem in der Nähe des Präsidentenpalasts und der UN-Büros gelegenen Luxushotel Serena erschossen worden, berichten Zeugen. Die Behörden schweigen zunächst zu den Berichten. Zeitgleich versammeln sich im Westen Kabuls, 500 Meter vom Parlament entfernt, Dutzende wütende Demonstranten vor einem privaten Fernsehsender.

Hunderte Menschen warten derweil vor dem Krankenhaus, in dem die Verletzten des Verkehrsunfalls behandelt werden, des Auslösers für die gewalttätigen Proteste. Ein US-Militärkonvoi war am Morgen im Norden der Stadt auf mehrere Fahrzeuge aufgefahren. Sieben Menschen kamen nach Angaben des Präsidentenbüros dabei ums Leben, die US-Armee sprach von einem Opfer. In kürzester Zeit versammelt sich nach dem Unfall eine wütende Menschenmenge, wirft Steine auf die Soldaten. Die in die Enge Getriebenen schießen wahllos in die Menge, vier Zivilisten sterben.

Ein Augenzeuge des Unfalls schimpft danach über die „feigen“ Soldaten der US-Armee, die die Zivilisten „wie Schafe“ getötet hätten. „Das sind keine tapferen Soldaten, das sind Schurken, und sie glauben, dass Afghanistan ein Spielplatz ist, auf dem sie schießen üben können.

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