Politik : In der Warteschlange

Mona Barz wurde mit 14 schwanger. Noch heute sucht sie den richtigen Weg im Leben – für sich und ihre Kinder.

Anna Sophie Sieben

Es ist kalt an diesem Dienstag. Im beheizten Kirchenschiff der Kapernaum-Kirche in Berlin-Wedding stehen und sitzen rund 150 Menschen. Sie warten darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wird und sie ihre Einkaufstrolleys und Tüten gratis mit Lebensmitteln an der Ausgabestelle der Berliner Tafel füllen können.

Constanze Kraft ist seit fast neun Jahren die Pfarrerin der Gemeinde. Sie begrüßt viele der Wartenden und beantwortet Fragen. Ihre Arbeit sieht sie kritisch. „Wir machen hier genau das Falsche“, sagt sie. „Wir kleben nur Pflästerchen.“ Die Pfarrerin ist frustriert. Nicht von ihrer Arbeit, nicht von den Menschen oder der Armut, sondern von der Ungerechtigkeit. Viele, die ihr bei der Lebensmittelausgabe begegnen, sind aus dem Mittelstand abgestürzt. Aber viele leben auch in vererbter Armut. Viele haben Schulden.

So wie Mona Barz. Sie ist kräftig, trägt ausgewaschene, enge Jeans, einen weiß gemusterten Anorak und Turnschuhe mit pinkfarbenen Schnürsenkeln. Die 26-Jährige ist Mutter von zwei Töchtern, elf und ein Jahr alt. „Als ich klein war, hat es mir an nichts gefehlt“, sagt sie. Doch Mona Barz geriet an die falschen Freunde, wurde mit 14 schwanger, verschuldete sich. Sie sagt, sie habe sich immer bemüht, ihr eigenes Geld zu verdienen. Sie arbeitete als Reinigungskraft, war Aushilfe in einem Restaurant und begann eine Ausbildung als Restaurantfachfrau. Doch die hat sie nie abgeschlossen, sie sei rausgemobbt worden, sagt sie. Eine Vollzeitstelle hatte sie noch nie.

Wenn man sie fragt, was schiefgelaufen ist in ihrem Leben, denkt sie eine Weile nach. „Ich habe viele falsche Entscheidungen getroffen, ich war sehr naiv“, sagt sie dann. Ihre Situation habe sie sich weitgehend selbst zuzuschreiben. Mona Barz kritisiert nicht, dass sie zu wenig Geld vom Staat bekommt. Doch ihr fehlt Hilfe bei der Arbeitssuche und Ausbildung. Das System hält sie für undurchsichtig, besonders schlimm sei es bei den Bildungsgutscheinen. Nicht einmal die Sachbearbeiter im Jobcenter wüssten darüber Bescheid. Sie fühlt sich alleingelassen.

Jetzt steht Mona Barz also mit der Nummer 16 in der Schlange und wartet auf Lebensmittel, die von Supermärkten aussortiert wurden. Bis zu 100 Euro spart sie so jede Woche. Heute füllen sich ihr dunkelblauer Einkaufstrolley und die Stofftaschen mit Auberginen, Paprika, Äpfeln und Birnen, Brot, Joghurt, Würsten, Salz, Butter und Schokolade in Form von ausrangierten Adventskalendern. Und sogar ein Bund gelbe Rosen gibt es. Zum sechsten Mal ist sie hier, beim ersten Mal habe sie sich sehr geschämt. Doch hier sehe sie auch, dass sie nicht alleine ist.

Mona Barz ist arm, an deutschen Standards gemessen. Sie hungert nicht, hat eine große Wohnung, in der sie mit ihrem Lebensgefährten, den beiden Töchtern und der alten Schäferhund- Mischlingshündin lebt. All das empfindet sie als Luxus. Schlimm an der Armut ist für sie die nervliche Belastung. „Manchmal wächst mir einfach alles über den Kopf.“ Vor zwei Jahren hatte sie einen Zusammenbruch. Seitdem versucht sie, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen und durch eine Privatinsolvenz ihre hohen Schulden loszuwerden. Die soziale Ausgrenzung, die sie regelmäßig erfährt, ist für die junge Frau nur schwer zu ertragen. „Viele stecken uns Arme in die unterste Schublade. Aber niemand interessiert sich für die Geschichte dahinter.“ Besonders schlimm sei es bei der Arbeits- und Wohnungssuche. „Da merkt man wirklich, dass man ganz unten ist.“

Die Mutter hofft, dass ihre Kinder nicht die gleichen Fehler machen wie sie. Sie sollen lernen, mit Geld umzugehen, und nicht so früh Kinder bekommen. Die ältere Tochter geht jetzt in die 6. Klasse und hat eine Gymnasialempfehlung. „Sie hat viel mehr Potenzial als ich. Und sie ist so viel vernünftiger.“ Sie will Abitur machen, sagt Mona Barz stolz.

Für sich selbst wünscht sie sich einen festen Job, der ihr Spaß macht. Die Hoffnung darauf hat sie noch nicht aufgegeben, sie möchte beweisen, dass sie es doch noch schaffen kann. Am liebsten würde sie in der Gastronomie oder in der mobilen Altenpflege arbeiten. „Ich bin noch jung, aber ich lebe wie ein Hausmütterchen. Und egal, was man macht, man lebt immer besser als vom Amt.“ Doch bis sie soweit ist, geht Mona Barz weiterhin zur Ausgabestelle der Tafel. Am nächsten Dienstag ist sie die Nummer 87. Anna Sophie Sieben

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