Politik : In der West-Sahara braut sich eine Intifada nach palästinensischem Vorbild zusammen

Ralph Schulze

Die Saharauis, beschwert sich der junge Bursche in der West-Sahara-Hauptstadt El Aaiún, besitzen in ihrer Heimat nur das Recht, zwei Dinge zu sagen: "Es lebe der König!". Und: "Die West-Sahara ist marokkanisch!" Als einige hundert Studenten, Arbeitslose und Behinderte nach Jahren des Stillhaltens gegen die Besatzungsmacht Marokko auf die Straße gingen, knüppelten marokkanische Polizisten sie nieder.

Die sozialen Proteste, in denen es zunächst nur um eine Verbesserung der miserablen Lebensbedingungen ging, schlugen um in politische Gewalt. "Gegen die marokkanische Kolonial-Politik", rufen die Menschen nun, die nahezu täglich ihrem Unmut Luft machen. Steine fliegen. In der West-Sahara braut sich eine Intifada nach palästinensischem Vorbild zusammen.

Marokko schickte Truppen, um die Unruhen zu ersticken. Seit Wochen befindet sich die Wüsten-Hauptstadt El Aaiún, in der rund 140 000 Menschen leben, im Belagerungszustand. Alle Zugänge zur Stadt wurden abgeriegelt. Soldatentrupps marschieren durch die Straßen. Sondereinsatzkommandos warten, über die ganze Stadt verteilt, versteckt in Garagen und Fabrikhallen, auf ihren Einsatz gegen Aufständische. Marokkos neuer König Mohammed VI. fürchtet nichts mehr, als dass die Lage in den "Süd-Provinzen" völlig außer Kontrolle geraten könnte.

Die Polisario-Bewegung, die seit einem Vierteljahrhundert für die Freiheit dieser Sahara-Zone kämpft und seit Anfang der neunziger Jahre einen Waffenstillstand einhält, warnt vor einem "neuen Timor": Ein marokkanischer Mob jagte jüngst saharauische Bürger durch die Straßen, verwüstete ihre Häuser, Geschäfte gingen in Flammen auf. Es gab mehrere Tote, berichtete die Polisario, hunderte Verletzte, viele Festnahmen. Diese Angaben wurden von marokkanischer Seite dementiert.

Tatsache ist jedoch, dass Marokko mit seiner Sicherheits-Armee die West-Sahara im eisernen Griff hält. Die wenigen Saharauis, die in dem von marokkanischen Siedlern überschwemmten Wüstenland ausharren, leiden seit zwei Jahrzehnten unter marokkanischen Repressionen. Sie leben in einem Klima der Angst, ohne Meinungsfreiheit, sozial diskriminiert - schon der Ruf nach Freiheit wird bestraft.

Die Spannungen steigen, seitdem klar ist, dass die UN-Volksabstimmung über die Zukunft des besetzten Landes wieder in weite Ferne gerückt ist. Marokko bombardierte die UN, die nach jahrelangen Vorbereitungen gerade eine Liste mit 84 000 wahlberechtigten Saharauis fertiggestellte hatte, mit über 70 000 Einsprüchen. Nun können die rund 300 vor Ort eingesetzten UN-Mitarbeiter von vorne anfangen.

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