Politik : In Deutschland wächst die Angst vor der Vogelgrippe

Stefan Kaiser,Flora Wisdorff

Berlin - Nach der Ausbreitung der Vogelgrippe in der Türkei hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) scharfe Kontrollen auf der weltgrößten Landwirtschaftsmesse in Berlin gefordert. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) kündigte an, dass Deutschland für die Zeit des Vogelzugs „mit höchster Wahrscheinlichkeit“ erneut eine Stallpflicht für Geflügel anordnen werde.

Eine Sprecherin der Messe nannte die WHO-Forderungen unbegründet. Es werde nur wenig Geflügel gezeigt, das zudem ausschließlich aus Deutschland stamme. Zur 71. Grünen Woche, die am Freitag eröffnet wird und zehn Tage dauert, werden 1600 Aussteller aus 53 Ländern sowie 450 000 Besucher erwartet. Alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz vor der Vogelgrippe würden ergriffen, sagte der Geschäftsführer der Messe Berlin GmbH, Christian Göke. Zusätzlich zu den vorgeschriebenen Kontrollen seien alle Tiere von einem Veterinär untersucht worden.

Seehofer kündigte an, Ende Januar nach einer Expertenbewertung zu entscheiden, ob das Geflügel vom 1. März bis 30. April wieder in die Ställe müsse.„Wir werden das Menschenmögliche tun, Bund und Länder gemeinsam mit Europa, diese gefährliche Tierseuche in den Griff zu bekommen“, sagte der Minister nach einem Treffen mit seinen Länderkollegen in Berlin. Bund und Länder kündigten schärfere Zollkontrollen und ein mobiles Einsatzkommando für den Fall einer Einschleppung der Vogelgrippe an. Das höchste Risiko bestehe in illegalen Importen, sagte Seehofer. Mittels Deklarationspflicht wollen Bund und Länder die Gefahr eindämmen. Der Zoll soll künftig nach der Einfuhr von verbotenem Geflügel und Geflügelprodukten fragen. Das müsse EU-weit gelten, forderte Seehofer. Die Kontrollen würden bundesweit intensiviert, insbesondere „auf Flughäfen, in Seehäfen, auf Straßen und im Bahnverkehr“. Der Bund werde in Brüssel auch auf verstärkte Außenkontrollen drängen.

Die Vorsitzende des Agrarausschusses des Bundestags, Bärbel Höhn forderte die Kontrolle von Flugzeugen und Reisebussen aus der Türkei. Zudem müssten die Länder ihre Notfallplanung überprüfen, sagte die Grünen-Politikerin dem Tagesspiegel. Die Vorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Edda Müller, kritisierte die Lebensmittelkontrolle der Länder. „Die Zusammenarbeit der Veterinär- und Zollbehörden ist in mehreren Ländern unzureichend, um Importe von Lebensmitteln zu kontrollieren“, sagte sie dem Tagesspiegel. Die Zollbehörden hätten oftmals keine ausreichenden Kenntnisse, um zu wissen, „wonach sie suchen sollen“.

Die Vogelgrippe breitet sich unterdessen immer weiter aus. Während Rumänien im Donau-Delta erneut Infektionen bei Geflügel feststellte, bestätigte China zwei weitere Todesfälle von Menschen. Je weiter sich das Virus ausbreitet, desto höher ist Experten zufolge die Gefahr, dass aus der Tierkrankheit eine auch von Mensch zu Mensch übertragbare Krankheit werden könnte.

In der Türkei hat sich das Vogelgrippevirus H5N1 innerhalb kurzer Zeit auf 30 von 81 Provinzen ausgebreitet. Mindestens drei Kinder sind an der Krankheit gestorben, dutzende weitere haben sich infiziert. Sie sind die ersten Fälle außerhalb Chinas und Südostasiens, wo inzwischen mehr als 70 Menschen der Infektion erlegen sind. Ein WHO-Vertreter in der Türkei äußerte aber die Einschätzung, dass die Vogelgrippe in dem Land „relativ leicht“ unter Kontrolle gebracht werden könne. Der Gesundheitsorganisation zufolge gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass die Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.

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