Politik : In die Gänge kommen

DER HELD ULLRICH

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Von Jürgen Schreiber

Die reinen Zahlen sprechen von Maschinenmenschen: Der Tross der Tour de France nudelt binnen drei Wochen 3350 Kilometer herunter. Der Schnitt auf schwersten Bergetappen liegt bei phantastischen 35 Stundenkilometern – da weiß man, was für Höllenritte zu bewältigen sind.

Der Radrennsport ist ein Leidensmilieu von eigener Faszination. Es schinden sich die Besten der Besten, überreich gesegnet mit Stehvermögen wie Jan Ullrich. Der ist gleichsam aus dem Nichts wieder in die Herzen der Deutschen geradelt. Ein Ereignis für sich; die von Überraschungen lebende Sportwelt kennt kaum vergleichbare Beispiele.

Vielleicht gilt dem gebürtigen Rostocker heute die ganze Verehrung, weil sie 2002 an einen schwach gewordenen Helden vergeudet schien. Monatelange Verletzungspause, DopingSperre, Unfallflucht mit dem Porsche, dies alles enthüllte seine Existenzskrise. Bis dahin galt der Tour-Sieger von 1997 als Außerirdischer. Nach DDR-Kinder- und Jugendsportschule hatte der aus kleinen Verhältnissen stammende Hänfling eine Traumkarriere hingelegt: Olympiagold, Weltmeister, ein Allwetterfahrer, dem, so vermittelte sein Image, die Siege zufielen. Elegant flog er dahin.

Doch die Leichtigkeit des Seins kaschierte lange die Selbstzweifel und Irrtümer des scheinbar Bärenstarken. Ein junger Mann, der sozusagen im Vorbeirollen gewann, aber auf der Jagd nach dem Sensationellen seine Unbekümmertheit verlor. Der Millionengagen erstrampelte, bis ihn auf der Suche nach einem anderen Lebenssinn Motivationsprobleme aus der Bahn warfen. Mühsam, an sich zweifelnd, stieg er wieder aufs Rennrad, nur wenige hätten auf ein erfolgreiches Comeback gewettet.

Jetzt feiert die Nation umso euphorischer seine Wiederauferstehung. Die darf als erfolgreich gelten, egal, wie schlussendlich Jans Tour-Plazierung ausfällt. Es herrscht ein Gelb-Kult hierzulande, der nicht ganz geheuer ist. Denn typisch für das Medienzeitalter gab es zuvor im Affärenjahr eine jedes vernünftige Maß sprengende Verdammnis Ullrichs, jetzt kennt die Verherrlichung keine Grenzen. Dieses Phänomen läßt sich mit den sagenhaften Tour-Strapazen erklären, aber auch mit dem Zustand der Gesellschaft.

Es sind unsichere Zeiten in Deutschland. Individuelle Interessen zerfließen zum diffusen Bild einer Gemeinschaft, die sich im Idealbild gern von der Weltspitze her definiert, aber in Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit zunehmend als deklassiert empfindet. Weder Rot-Grün noch CDU bieten in der Negativentwicklung bisher eine tragbare Vision. Jan Ullrich stößt als Ersatzmann gleichsam in dieses Vakuum, schafft ein Parallelgefühl zur Misere, erfüllt die Sehnsucht nach Sinnstiftung durch Erfolg – die klassische Identifikationsfigur, zumal in einer Zeit, die danach lechzt. Wie das Schöne schön ist, weil es das Häßliche gibt, beweist er: Im Tief kann man reifen, wieder nach vorne kommen, Stillstand, Rückschritt durch Leistung überwinden. Er demonstriert: Es gibt eine zweite Chance. Gegenüber dem Präzionsautomaten Lance Armstrong bündelt er die Emotion, bei aller Sperrigkeit ein Typ, um sentimental zu werden. Auf Frankreichs Straßen rollt ein Gegensatzpaar, ideal für die überschaubare Psychologie des Kampfs der Giganten.

Wenn man schon die Parallele ziehen will: Die Tour inszeniert die Rätsel des Lebens in Tagesetappen. So gesehen haben die Deutschen die von Ullrichs wundersamer Rückkehr ausgehende Botschaft vielleicht noch nicht ganz begriffen: Von Jan lernen, heißt, in die Gänge kommen zu lernen.

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