Politik : In einem Schwarzwaldort treten die Geistheiler zur Kommunalwahl an

Petra Kistler

Und nur ein Wunder kann am Sonntag ihren Einzug in den Gemeinderat verhindernPetra Kistler

Auch Geistheiler verlassen sich, wenn es Ernst wird, lieber auf Regieanweisungen. Deshalb hat die Sekte Fiat Lux ("Es werde Licht") für den großen Auftritt ein Drehbuch. In dem steht: "Uriella und Icordo kommen die Marmortreppe herunter und küssen symbolisch das Kruzifix, die Madonnenstatue sowie den Engel an der Wand. Uriella begibt sich in die erste Reihe, und Icordo geht zum Flügel."

Samstag, 19 Uhr. Wahlkampfauftritt von Sektenführerin Uriella. Die sieben Kamerateams bekommen gar nicht genug von den hundert entrückten Rauschgoldengeln um den weißen Flügel, die brav die Hände falten, als Uriella in weißem Glitterkleid und mit tiefschwarzem Zweithaar die "göttliche Offenbarung" zelebriert. Die 70-jährige Uriella und ihr elf Jahre jüngerer Gatte Icordo lassen die internationalen Medien an dem Ereignis teilnehmen. Die Botschaft verstehen sogar grobstoffliche Wesen, die das "Heiligtum" im Schwarzwaldort Ibach nur mit blauen Plastiküberziehern an den Füßen betreten dürfen: Im "göttlichen Auftrag" tritt die Weltuntergangssekte bei der Kommunalwahl in Baden-Württemberg am Sonntag mit einer eigenen Liste an.

Da solche weltlichen Angelegenheiten einfachen Rechenregeln gehorchen (33 der 304 Ibacher Wahlberechtigten gehören zu Uriellas Orden), kann nur ein Wunder den Einzug des Fiat-Lux-Spitzenkandidaten Icordo in den achtköpfigen Gemeinderat verhindern. Seit Mitte der achtziger Jahre kaufen Fiat-Lux-Anhänger in zwei kleinen Gemeinden im Hotzenwald ein Haus nach dem anderen. Strittmatt, das Dorf mit den fünf Kreuzzeichen im Namen, wird nach Uriellas Prophezeiungen als einziger Ort die Endzeit überleben. Auch für Ibach gibt es Hoffnung: Das zum Sektenzentrum umgebaute ehemalige Dorfwirtshaus, in dem Uriella ihre Anhänger zu Gottesdiensten, Seminaren und Geistheilungen empfängt, wird beim größten Massaker aller Zeiten vom Boden abheben.

Mit den merkwürdigen Heiligen hatten sich die Ibacher abgefunden: Über deren Liebe zu Plastikblumen, Gartenzwergen und Gipsmadonnen wurde im Dorf gelächelt; ansonsten wurde das fleisch-, alkohol-, nikotin-, keim- und sexfreie Tun und Lassen der Ordensgeschwister einfach übersehen. Bis die stets lächelnden "Luxe" ihr Interesse an der Politik entdeckten. Im August, verrät die nervös an Perlen und Goldkreuz nestelnde Uriella, die als Fremdsprachenkorrespondentin noch Erika Bertschinger hieß, erhielt sie vom "allergrößten aller Meister" die Botschaft, ihr vierter Mann und sieben Jünger sollten für den Gemeinderat kandidieren. Icordo, alias Eberhard Eicke-Bertschinger, der sich für die Wiedergeburt von Nicodemus, Ulrich Zwingli und Richard Strauß hält, wollte gleich in drei Gemeinden und im Waldshuter Kreistag antreten; allein eine Volltrance Uriellas, des "Sprachrohres Gottes", verhinderte den großen Ansturm ihres "Schätzchens" auf die Kommunalpolitik.

Artur Meiners, seit zwölf Jahren Bürgermeister von Ibach, hat genug vom Rummel um den Gemeinderatssitz. Die Ruhe im Dorf sei dahin. "Ich verstehe immer noch nicht, warum die kandidieren", sagt Meiners ratlos - und zeigt dem vierten Fernsehteam den Ratssaal mit dem ovalen Holztisch, an dem nach dem 24. Oktober auch Icordo sitzen wird. "Ist doch klar: Die wollen den Gemeinderat als Informationsquelle", heißt es im Dorf. "Die wollen das Dorf unterwandern, wollen immer mehr Häuser kaufen", sagt Jürgen Gießler, ein junger Maschinenbauingenieur, der jetzt für eine hohe Wahlbeteiligung trommelt. Das ist die letzte Hoffnung der Einheimischen: Nur wenn möglichst viele zur Wahl gehen, kann verhindert werden, dass sogar noch ein zweiter Sitz im Kommunalparlament an die Sekte geht. Ganz sicher sind sich die Ibacher ihrer Sache aber nicht: Auch unter den Einheimischen gibt es Protestwähler.

"Der Gemeinderat ist doch keine Immobilienbörse", versucht Meiners die aufgeregten Bürger zu beschwichtigen. "Nach der fünften Baugenehmigung wird denen die Kommunalpolitik schon langweilig werden." Sicher ist aber auch: Fiat Lux hat Geld. Millionen soll die Sekte mit Salben und Tinkturen aus der "Apotheke Gottes" umgesetzt haben. Während die CDU und die Bürgerliste "Offene Ibacher" auf billig kopierten Blättern ihre acht Kandidaten vorstellen, wirbt Wahlkampfmanager Icordo mit glänzend gelben Schmetterlingen und Bildchen aus dem Poesiealbum für "frischen Wind im Gemeinderat".

Viel Zeit bleibt ihm nicht für die Kommunalpolitik. Wieder einmal steht der Weltuntergang auf dem Terminplan von Fiat Lux. Eigentlich wurde der schon am 9. August 1998 erwartet, musste aber wegen "falscher kabbalistischer Auslegungen und unerwarteter kosmischer Verknüpfungen" verschoben werden. Am Ende des Jahres 2000, lehrt Icordo, ist es wohl so weit: Dann schickt Neptun einen Computervirus, ein Meteorit plumpst in die Nordsee, der Dax fällt gen Null, und die Erde kippt aus der Achse. Kein Grund zur Aufregung, beschwichtigt Uriella: Im Südpol geparkte Raumschiffe werden über Ibach erscheinen und die Auserwählten nach drei dunklen Tagen und Nächten in eine neue Welt bringen. Glück gehabt: Vier Milliarden Menschen werden bei der allfälligen Reinigung der Erde weggeputzt. Ibach aber, "die wunderschöne Perle in der allerreichst gesegneten Natur", will die wunderliche Dame, die bereits wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde, retten. Schließlich sei sie seit jeher mit dem Ort verbunden. Als Wiedergeburt Maria Magdalenas sei sie die Schutzheilige der Gemeinde.

Die jeder Politik abholde Uriella will übrigens jede Frage im Gemeinderat "von oben" entscheiden lassen. Icordo sieht das pragmatischer: Für den Gemeinderat gebe es weltliche Unterlagen. Und noch ein Trost: "Wir kommen", sagt Icordo, "natürlich in bunter Kleidung in den Gemeinderat."
© 1999

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