Politik : In Freiheit glauben

Afghanistan entlässt den christlichen Konvertiten Rahman aus der Haft. Nun will Italien ihm Asyl bieten – Deutschland auch?

Elke Windisch[Moskau]

Im Schutz der Dunkelheit wurde Abdul Rahman am Montagabend heimlich aus dem berüchtigten Kabuler Hochsicherheitsgefängnis Pol-i-Scharki geschleust. Als die Nachricht über seine Haftentlassung am Dienstag durchsickerte, war der derzeit weltweit wohl bekannteste Konvertit bereits an einem sicheren Ort – unerreichbar für jene radikalen Muslime, die dem Christen den Tod wünschen. Rahmans Leben ist gerettet, die drohende Todesstrafe vom Tisch. Das Dilemma Afghanistans, der heikle Balanceakt zwischen Menschenrechten und Scharia, bleibt.

Das italienische Außenministerium teilte am Dienstag in Rom mit, Italien wolle Rahman aufnehmen. Außenminister Gianfranco Fini werde dem Ministerrat am Mittwoch einen entsprechenden Antrag vorlegen. Nach Ansicht des Vorsitzenden im Bundestags-Innenausschuss, Sebastian Edathy (SPD), sollte auch Deutschland Rahman Asyl anbieten.

Der afghanische Vize-Generalstaatsanwalt Mohammed Eschak Aloko sagte, Rahman gelte zunächst als unzurechnungsfähig. „Er ist krank.“ Sollten weitere Untersuchungen ergeben, dass Rahman doch zurechnungsfähig ist, könnten die afghanischen Behörden „ihn durch Interpol wieder nach Afghanistan bringen“ lassen und ihn erneut vor Gericht stellen. Das Justizministerium verweigerte jeden Kommentar. Nicht einmal der Direktor des Hochsicherheitsgefängnisses Pol-i-Scharki will von der Freilassung gewusst haben.

Aus regierungsnahen Kreisen verlautete, UN-Beamte hätten zuvor stundenlang mit hohen Vertretern des Präsidentenamtes über eine Lösung verhandelt, die allen Beteiligten die Möglichkeit gibt, das Gesicht zu wahren und die weitere Eskalation der innenpolitischen Spannungen zu vermeiden. Denn Warnungen des für die Causa Rahman zuständigen Richters vor einem landesweiten Aufstand, sollte der Christ straffrei ausgehen, sind mehr als bloße Gräuelpropaganda.

Am Montag forderten in Masar-i-Scharif über 1000 Demonstranten nicht nur die Hinrichtung Rahmans, sondern auch den Tod des US-Präsidenten George W. Bush. Sie warnten die internationale Gemeinschaft vor einer Einmischung in innere Angelegenheiten. Afghanistan habe eine islamische Verfassung, die respektiert werden müsse. Die Wut richtet sich offenbar weniger gegen Rahman persönlich als gegen die christliche Hilfsorganisation Shelter now, für die Rahman arbeitete. Seit Ende der Achtzigerjahre in Afghanistan und den Paschtunen-Gebieten Pakistans, wo Rahman vor 16 Jahren zum Christentum übertrat, eckte Shelter now schon im afghanischen Bürgerkrieg Anfang der Neunziger und anschließend in der Taliban-Zeit mehrfach durch aggressive Missionstätigkeit an. Nicht nur bei den Behörden, auch bei der Bevölkerung.

Rahmans Freilassung ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass die afghanische Führung mit der Entscheidung, Rahman ins Exil zu zwingen, sich zwar eine vorübergehende Atempause verschafft hat. Längerfristig kommt dort dennoch niemand um die Schicksalswahl zwischen einem modernen Staat, in dem universelle Menschenrechte das Primat haben, und einer Theokratie herum, deren Rechtsnormen sich aus dem sozialen Umfeld des Propheten Mohammed herleiten: der arabischen Beduinengesellschaft des frühen siebten Jahrhunderts.

0 Kommentare

Neuester Kommentar