• In Kaukasus spielt sich eine Tragödie wie im Balkan ab - doch niemand stoppt Moskau (Kommentar)

Politik : In Kaukasus spielt sich eine Tragödie wie im Balkan ab - doch niemand stoppt Moskau (Kommentar)

Christoph von Marschall

Dankbarkeit ist eine schöne Tugend. Westeuropa, speziell Deutschland, hat immer wieder betont, wie dankbar man Russland sei für die Vermittlung in Belgrad, die zu einem Verhandlungsfrieden im Kosovo führte, mit dem das Kriegsziel - Ende der Vertreibung und Rückkehr der Kosovo-Albaner - erreicht wurde. Den Nato-Ländern war die Last genommen, einen Krieg zu Ende führen zu müssen, den sie nicht führen wollten. Jetzt wäre es an der Zeit, sich erkenntlich zu zeigen. Nun führt Russland einen Krieg, von dem die Regierung in Moskau behauptet, sie würde ihn lieber heute als morgen beenden - vorausgesetzt, die Bevölkerung sei künftig sicher vor Terrorangriffen. Soll Westeuropa, speziell Deutschland, also Russland helfen, den Krieg im Kaukasus zu beenden? Gestern, beim EU-Russland-Gipfel in Helsinki, war dazu Gelegenheit.

Gerade jetzt wäre Vermittlung dringend geboten. Bei einem Granatangriff auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny sind mehr als hundert Zivilisten getötet worden. Die Augenzeugenberichte beschwören die Erinnerung an die schlimmsten Phasen des Bosnien-Krieges herauf: Die serbischen Truppen hatten Sarajevo eingekesselt und beschossen von den Hügeln ringsum die wehrlose Zivilbevölkerung. Ein Granatangriff auf einen Markt, wo die Menschen nach Wasser anstanden, mit 68 Toten und unzähligen Verstümmelten löste solche Empörung in den westlichen Demokratien aus, dass die zögernde Nato sich zum Eingreifen entschloss. Auch den Kosovo-Albanern halfen ausländische Truppen gegen die Soldaten der eigenen Regierung, ebenso jetzt den Ost-Timoresen.

Die Rolle der Serben in Bosnien und im Kosovo spielt im Kaukasus die russische Armee, die ziemlich wahllos Dörfer und Städte zerstört. Die Schuld am Marktplatz-Massaker in Grosny hat der Kreml zunächst abgestritten. Inzwischen räumt die Armee den Angriff ein, behauptet aber zur Rechtfertigung, dort werde mit Waffen gehandelt. Premier Putin hat weiter die Chuzpe, die russische Urheberschaft zu leugnen - und seinen EU-Partnern ins Gesicht zu sagen, Moskau habe gar nicht die Absicht, den Konflikt mit Tschetschenien militärisch zu entscheiden. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Bis vor kurzem hatte Russland noch versprochen, bei diesem zweiten Tschetschenien-Krieg gehe es nur um die Besetzung einer Sicherheitszone; keinesfalls sollten die Truppen Grosny erobern. Jetzt stehen sie wenige Kilometer vor dem Zentrum.

Wer sollte sie hindern, weiter vorzurücken? Die EU jedenfalls nicht. Druckmittel, die Moskau richtig schmerzen und zum Umdenken bewegen könnten, hat sie nicht. Der Kreml wünscht ernstgemeinte Vermittlung auch nicht. Premier Putin ist der politische Nutznießer dieses Krieges. In den Umfragen hat er, der beim Amtsantritt im Sommer noch unbekannt war, die meisten Mitbewerber um das Präsidentenamt überholt. Die UN werden - bestenfalls - ihre Besorgnis äußern. Moskau hat einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat mit Veto-Recht und wird bereits Resolutionen, die nur unliebsam sind und nichts Substanzielles fordern, verhindern. Selbst wenn es ein UN-Mandat gäbe, den Krieg mit Gewalt zu beenden, wer würde es annehmen? Die Nato greift, anders als in Bosnien mit und im Kosovo ohne Mandat, selbstverständlich nicht ein. Ökonomisch mag Russland ein Dritte-Welt-Land sein, aber eines mit Atomwaffen.

Anders als den Bosniern, Kosovo-Albanern und Ost-Timoresen wird den Tschetschenen niemand zu Hilfe eilen. Doch Russland wird mit der Zeit erfahren, dass es selbst Hilfe braucht. Den Terrorismus kann man nicht militärisch besiegen. Heute will sich Moskau nicht helfen lassen. Morgen jedoch, wenn die Situation richtig verfahren ist und der Kreml Hilfe annehmen würde, wird ihm nicht mehr zu helfen sein. Dann wird Russland den Kaukasus so sicher verloren haben wie Serbien das Kosovo, ohne dafür eine einigermaßen verlässliche Sicherheit vor islamistischem Terrorismus zu finden.

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