Politik : In Leipzig gehen die Bürger auf die Straße - der Beginn der Montags-Demonstrationen

Ralf Geissler

Eine Altbauwohnung im Leipziger Osten: Katrin Hattenhauer sitzt dort am Nachmittag des 4. September 1989 mit Freunden und malt Transparente. "Für ein offenes Land mit freien Menschen" schreibt sie auf ein ausgedientes Bettlaken und "Reisefreiheit statt Massenflucht" auf ein anderes. Um 16 Uhr macht sie sich mit zehn weiteren Oppositionellen auf den Weg in die Nikolaikirche. "Die Transparente hatten wir unter unseren Hosen und T-Shirts versteckt", erinnert sich Katrin Hattenhauer.

Die Stasi ist den jungen Leuten dicht auf den Fersen. Die Spitzel folgen in Zivil. In der Straßenbahn gelingt es, die Beamten abzuschütteln. "Kurz bevor die Tür zuging, sind wir alle rausgesprungen. Die sind davongefahren, und wir waren draußen", erzählt Uwe Schwabe, der damals geholfen hat, die Transparente in die Kirche zu bringen. Zu Fuß gelangen die Oppositionellen in die Nikolaikirche in der Leipziger Innenstadt.

Seit September 1982 gibt es dort jeden Montag Friedensgebete. 1988 war dann die Kirche zu einem Sammelpunkt von Menschen geworden, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Zwei Mal im Jahr - immer zur Leipziger Messe - riefen die Ausreisewilligen nach dem Gebet in westliche Kameras: "Wir wollen raus." Auch am 4. September ist wieder Messe in Leipzig. "Viele, die hier bleiben wollten, haben die Demos der Ausreisewilligen abgeschreckt. Wir wollten nun zeigen, es gibt Menschen, die im Land etwas verändern wollen, die sagen: Wir bleiben hier", berichtet Uwe Schwabe.

Nach dem Friedensgebet formieren sich die Transparentmaler mit etwa fünfzig Teilnehmern zu einem Demonstrationszug. Nach wenigen Metern reißen Beamte der Stasi die bemalten Bettlaken runter. An einer Polizeikette vor der Kirche stoppt der Zug. "Wir haben gesehen, dass hinter uns eine Lücke entstanden ist und sich viele nicht angeschlossen haben, da sind wir auseinander gegangen", sagt Uwe Schwabe.

Die Ausreisewilligen starten wenige Minuten später eine zweite Demonstration. Die 250 Menschen schaffen immerhin die 400 Meter bis zum Hauptbahnhof. Die doppelte Kundgebung am 4. September 1989 markiert den Beginn der Montags-Demonstrationen in Leipzig. Beide Demonstrationen werden im westdeutschen Fernsehen übertragen. Von nun an wird wöchentlich protestiert. Die Furcht, sich den Ausreisewilligen anzuschließen, ist vorbei.

Ausgangspunkt bleibt die Nikolaikirche. Bereits vor dem 4. September 1989 steht der Kirchenvorstand unter Druck. Der Staat fordert, die Wiederaufnahme der Friedensgebete auf die Zeit nach der Messe zu verschieben. Christian Führer, Vorsitzender des Kirchenvorstandes, gibt nicht nach. Dem Leipziger Oberbürgermeister Bernd Seidel sagt er am 1. September offen, warum es schon früher nach den Montags-Gebeten zu Konflikten mit Kirchgängern kam: "Sie, Herr Oberbürgermeister, haben eine anspruchsvolle Weltanschauung. In deren Mittelpunkt steht der Mensch. Was sich aber auf dem Nikolaikirchhof abspielt, ist nicht mehr das Ringen um den Menschen. Das sind Polizeistaatmethoden." Weitere Gespräche blockt der Pfarrer ab.

Neben dem Druck der SED muss der Pfarrer dem Druck der Basis standhalten. Die Gruppen von Uwe Schwabe und Katrin Hattenhauer versuchen schon länger, politische Inhalte in die Friedensgebete einzubringen. "Da bin ich ganz scharf geworden", erinnert sich Führer. "Genau das versuchte der Staat uns nachzuweisen: Das ist keine kirchliche Sache, die machen knallharte Politkirmes, hängen da bloß ein frommes Mäntelchen drum und höhlen den Staat aus." Offen bekennt er, dass es für die Kirche kein politisches Konzept gab. Gerechtigkeit und Hilfe für Menschen in Not - diese Maximen wollte er durchsetzen. Der Kirchenvorstand habe immer nur nach einer Frage entschieden: "Was würde Jesus dazu sagen?"

Am 11. September 1989 rächt sich der Staat für die Blamage während der Messe. Einhundert Menschen werden nach dem Friedensgebet "zugeführt" - so heißen die Festnahmen im SED-Jargon. Unter den Festgenommenen ist auch Katrin Hattenhauer. "Ich habe gesehen, wie sie eine behinderte Frau geholt haben und bin hinterher. Da hat einer meine Haare um sein Handgelenk gewickelt und mich auf einen Wagen gezerrt." Fünf Wochen lang sitzt Katrin Hattenhauer in einem Gefängnis und ahnt nichts Gutes: "Ich habe im Knast das Donnern gehört und geglaubt, es rollen Panzer über die Straßen. Dass die Geräusche von den Schritten tausender Demonstranten kamen, konnte ich nicht wissen."

Die Schritte von 8000 Menschen sind es am 25. September. Trotz der Verhaftungen bleiben die Demonstranten friedlich. Pfarrer Christoph Wonneberger hat im Friedensgebet vor Gewalt gewarnt. In diesen Tagen hängen an den Fenstern der Nikolaikirche hunderte Blumen und Namenslisten der Inhaftierten. "Ohne die Kirche wäre es nicht ohne Gewalt abgelaufen", davon ist Pfarrer Führer bis heute überzeugt.

Am 29. September droht der Bezirksstaatsanwalt Pfarrer Führer und Pfarrer Wonneberger mit Haft, wenn die Montags-Gebete nicht aufhören. Vergebens. Am 9. Oktober 1989 demonstrierten 70 000 nach dem Friedensgebet in der Leipziger Innenstadt. Dem Volk ist die eigene Kraft bewusst geworden, der Staat kapituliert vor den Massen

Vom 4. September 1989 bis zu diesem Tag ist der Ausgang aller Friedensgebete ungewiss. Pfarrer Führer war sich damals durchaus bewusst: "Wir hatten Tag und Nacht Angst. Es konnte jederzeit im Blut ersticken, es konnte jederzeit geschossen werden, es konnte alles passieren. Aber der Glaube war immer ein kleines Stück größer, es hat sogar noch zum Humor gereicht."

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