Politik : In letzter Minute

Zwischen Kalkül und Größenwahn: Saddam lehnt immer wieder UN-Forderungen ab – um sie dann doch zu erfüllen

Andrea Nüsse[Amman]

Auf den ersten Blick wirkt es überraschend: Am Montag gibt der irakische Führer Saddam Hussein dem US-Sender CBS ein historisches Interview und erklärt, er besäße keine Raketen, die weiter als 150 km fliegen. Beobachter in aller Welt schlossen daraus, dass er nicht plant, die Al-Samoud-2-Raketen ab Samstag zu zerstören. Dieses Ultimatum hatte der Chef der UN-Waffeninspekteure, Hans Blix, gestellt. Doch am Donnerstag gegen Mitternacht wird ein Brief der Iraker bekannt, in dem sie der Zerstörung der Raketen „im Prinzip“ zustimmen. 24 Stunden vor Ablauf des Ultimatums.

In den vergangenen Monaten hat Saddam Hussein oft in letzter Minute den Forderungen der internationalen Gemeinschaft nachgegeben – und zuvor immer anders lautende Signale ausgesandt. So war es auch bei der Annahme der UN-Resolution 1441 im November 2002. Das irakische Parlament hatte die Resolution abgelehnt. Da dieses Gremium von Saddam gesteuert wird und niemals eine unabhängige Meinung vertreten würde, dachten viele westliche Beobachter, dies sei ein Zeichen dafür, dass der Irak die Resolution ablehnt. Doch Saddam Hussein nahm sie schließlich an. In diesem Fall hatte er das Parlament dafür auserkoren, nach innen und nach außen alle Kritik an der Resolution vorzutragen, bis sich der weise Friedensfreund Saddam persönlich über dieses „Votum" hinwegsetzte, um seinem Volk einen Krieg zu ersparen.

Doch die Episode zeigt nicht nur, dass Saddam Hussein ein nervenstarker Spieler ist, der die Karten bis zum Äußersten ausreizt. Sie zeugt von seinem Talent zu theatralischen Inszenierungen. Fast hat man den Eindruck, als sei dies das Lebenselixier eines Mannes, dessen größter Traum zerplatzt ist: Führer einer regionalen Großmacht zu sein, der von den Präsidenten der USA oder Chinas anerkannt werden muss. Nun ist er der Aussätzige der internationalen Gemeinschaft: Er kontrolliert nur noch ein Drittel seines durch zwölf Jahre Sanktionen gebeutelten Landes, das von der stärksten Armee der Welt umstellt ist – und doch lässt er sich das Heft nicht aus der Hand nehmen. Dies mag auf Größenwahn beruhen – wenn er beispielsweise dem US-Präsidenten George W. Bush in dem CBS-Interview vorschlägt, man solle sich gemeinsam einem Fernsehduell stellen. Oder auf Kalkül, wenn er die zerstrittene Weltgemeinschaft schmoren lässt.

Würde wirklich bewiesen, dass Saddam über keine Massenvernichtungswaffen mehr verfügt, würde ihm seine Drohkulisse fehlen. Für ihn gäbe es dann keinen Platz auf der Weltbühne. So wirft der irakische Diktator den Zweiflern an einem Krieg nur genug hin, damit sie ihren Kurs gerade einmal so fortführen können. So hat er Blix bei seinem Besuch in Bagdad Anfang Februar nur die Forderung erfüllt, welche die Weltgemeinschaft schon lange erhoben hatte: freie Interviews mit Wissenschaftlern ohne Anwesenheit staatlicher Aufpasser. Die Zustimmung zum Einsatz unbemannter U2-Aufklärungsflugzeuge kam sogar erst fünf Tage später, am Tag des zweiten Blix-Reports im UN-Sicherheitsrat. Eine perfekte Inszenierung.

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