Politik : „In Monrovia riecht es nach Tod“

Der Bürgerkrieg kehrt nach Liberia zurück – die Bevölkerung hat weder von Präsident Taylor noch von den Rebellen Gutes zu erwarten

Christoph Link[Nairobi]

In Monrovia herrscht Endzeitstimmung. Zehntausende von Flüchtlingen aus den Provinzen belagern das Zentrum der liberianischen Hauptstadt und suchen Obdach und Nahrung. Wie die Diakonie Katastrophenhilfe unter Berufung auf örtliche Partner in Monrovia berichtet, campierten Tausende in Schulen oder unter freiem Himmel. Die Diakonie unterstützt sie mit Lebensmitteln und Medikamenten. Das letzte öffentliche Krankenhaus der Stadt, das 130 Betten zählende Redemption-Hospital, ist verlassen, Läden und Banken haben geschlossen. Die französische Armee hatte schon am Montag 535 Ausländer – darunter 120 Europäer – auf ein im Atlantik kreuzendes französisches Kriegsschiff ausgeflogen. Im Stadion von Liberia haben nach unterschiedlichen Schätzungen bis zu 15 000 Menschen Zuflucht gefunden – vor den Kämpfen zwischen Rebellen und Regierungstruppen.

Seit vier Jahren hat es Liberias Präsident Charles Taylor mit einer Widerstandsarmee im eigenen Lande zu tun. Mehrfach hatten die Rebellen in den vergangenen Monaten Vorstöße auf Monrovia gewagt, jetzt stehen sie vor den Toren der Stadt. Der Leiter von Ärzte ohne Grenzen in Liberia, Alain Kassa, spricht von einer „verzweifelten Lage“ vor allem im Norden Monrovias. „In den Straßen liegen Leichen herum, man kann den Tod in vielen Stadtvierteln riechen." Christiane Berthiaume vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen spricht gar von totaler Anarchie: „Dieser Krieg ist nicht wie andere Kriege“, sagt sie.

An der militärischen Front hat sich Präsident Taylor offenbar eine Atempause verschafft. Der Vormarsch der Rebellen der „Vereinten Liberianer für Versöhnung und Demokratie“ (Lurd) ist offenbar an der Saint-Pauls-Brücke in den westlichen Vororten der Stadt gestoppt worden. Am Mittwoch wurde mit Hilfe von Vermittlern der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) eine vorläufige Waffenruhe vereinbart, am Donnerstagabend sind Friedensgespräche im benachbarten Ghana geplant.

Präsident Taylor ist kein unbeschriebenes Blatt: Im vergangenen Monat hatte der Weltsicherheitsrat die Sanktionen für Liberia verschärft, Anfang Juni stellte das Sondergericht für Kriegsverbrechen in Sierra Leone einen internationalen Haftbefehl gegen Taylor wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus. Taylor – der selbst nach einem grausamen Bürgerkrieg 1997 an die Macht kam – hatte auch die berüchtigten RUF-Rebellen im Nachbarland Sierra Leone unterstützt. Seitdem Taylor zur Fahndung ausgeschrieben worden ist, haben seine Feinde im eigenen Land offenbar Auftrieb erhalten. Was die Bevölkerung von den Aufständischen, die seit 1999 gegen Taylor kämpfen, zu erwarten hat, das ist fraglich. Auch die Kämpfer der Lurd terrorisieren die Zivilbevölkerung und sind in Schmuggelgeschäfte mit Diamanten verwickelt. Düstere Aussichten also für die Zukunft Liberias.

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