Politik : In schwerer See

Bei Cap Anamur wird nun offen über die Zukunft der Organisation gestritten

Marc Hasse,Ulrike Scheffer

Berlin - Nach seiner Rückkehr aus Italien muss sich Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel in Deutschland der Kritik an seiner Person und seinen Kampagnenmethoden stellen. Der Vorwurf, die Rettung von afrikanischen Flüchtlingen im Mittelmeer sei eine Medieninszenierung gewesen, habe sich für ihn bestätigt, sagte Freimut Duve, Mitglied des Förderkreises von Cap Anamur, dem Tagesspiegel. Elias Bierdel habe dem Schiff ein „Reklameschild“ angehängt, obwohl das Wohl der Flüchtlinge im Vordergrund hätte stehen müssen, sagte Duve. Damit habe dieser die Zukunft der Organisation aufs Spiel gesetzt. Er sprach sich für einen Rücktritt Bierdels aus.

Zuvor hatte Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck seine Kritik an Bierdel verschärft und von „Rufschädigung“ gesprochen. Den Versuch der Mannschaft, eine weitere Gruppe von Afrikanern an Bord zu nehmen, bezeichnete Neudeck als „peinlich“. Diese Aktion habe „eine höhere Komik“ gehabt.

Bierdel wies die Vorwürfe einer Medieninszenierung am Montag zurück. Das Schiff sei nach der Aufnahme der 37 Afrikaner noch so lange gekreuzt, um nach weiteren Bootsflüchtlingen zu suchen, sagte Bierdel im Deutschlandfunk. Er gestand aber auch Fehler ein. Die Cap Anamur habe viel zu spät Kontakt mit den italienischen Behörden gesucht. Trotzdem sei die Aktion richtig gewesen. „Das Entscheidende muss doch sein: Wollen wir weiter hinnehmen, dass Menschen vor den Toren der Festung verrecken?“ Zur Kritik seines Vorgängers Neudeck sagte Bierdel: „Sollte Neudeck in Bezug auf das Sterben da draußen Begriffe wie höhere Komik benutzt haben, haben wir es mit einem bizarren Fall von senilem Zynismus zu tun, wenn nicht gar mit Schlimmerem.“

Das Schicksal der 37 Flüchtlinge, auf das Bierdel mit seiner Aktion eigentlich aufmerksam machen wollte, geht angesichts des Streits um die Organisation indes fast völlig unter. Die Asylanträge der Afrikaner, von denen die Cap-Anamur-Besatzung zunächst gesagt hatte, sie stammten aus Sudan, wurden in Italien inzwischen abgelehnt. 14 der wohl aus Westafrika kommenden Männer befinden sich bereits in einem Abschiebelager in Rom. Helfer anderer Organisationen kritisieren, dass auch die Krise in Sudan durch die Cap-Anamur-Aktion in den Hintergrund getreten sei. Die Medien hätten ihre Aufmerksamkeit zeitweise „abgezogen“, sagte Uli Post von der Welthungerhilfe. „Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, durch spektakuläre Aktionen auf Missstände aufmerksam zu machen. Von Cap Anamur erwartet man das ja auch“, sagte Post. Diesmal jedoch habe Bierdel die Balance verloren. „Da wurde der Rückenwind der Sudankrise genutzt, um auf das Asylrecht der EU Einfluss zu nehmen. Das war nicht in Ordnung.“ In Brüssel berieten am Montag die EU-Innenminister, wie die Zusammenarbeit bei Flüchtlingsfragen verbessert werden kann. Bundesinnenminister Otto Schily sagte, angesichts der Krise um Cap Anamur unterstütze er den britischen Vorschlag, Aufnahmezentren für Asylbewerber außerhalb der EU zu schaffen.

Elias Bierdel berichtete früher als Reporter für die ARD aus Krisengebieten. Dort lernte er die Arbeit von Cap Anamur kennen. Im Dezember 2002 übernahm er die Leitung der Hilfsorganisation von Gründer Rupert Neudeck . Bislang hatte Bierdel immer Neudecks Unterstützung, nach der umstrittenen Rettungsaktion im Mittelmeer ging Neudeck aber auf Distanz und äußerte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Fahrt. Auch Förderkreismitglied Freimut Duve sieht seinen Vorwurf bestätigt, es habe sich um eine Medieninszenierung gehandelt.

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