Politik : In Trauer vereint

Israels Außenminister besucht den Anschlagsort

Thomas Seibert[Istanbul]

Noch vor wenigen Tagen hatte die türkische Regierung den Israelis die kalte Schulter gezeigt. Ministerpräsident Ariel Scharon wollte Ankara besuchen – doch die Regierung seines Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan winkte ab: Terminschwierigkeiten, hieß es offiziell. Das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser ließ selbst den treuen Partner Türkei auf Distanz gehen. Doch das war vor den Anschlägen von Istanbul, jetzt ist alles anders. Nach dem Tod von 23 Menschen beim schwersten Anschlag in der Türkei seit vielen Jahren reiste Israels Außenminister Silvan Schalom am Sonntag nach Istanbul.

Schalom kam in den frühen Morgenstunden in die türkische Metropole und traf sich zunächst mit Vertretern der jüdischen Gemeinde. Vor der bei dem Anschlag schwer beschädigten Neva-Schalom-Synagoge in der Istanbuler Altstadt legte Schalom einen Kranz nieder; er besuchte auch die zweite bei den Anschlägen getroffene Synagoge im Stadtteil Sisli. Nach einem Gespräch mit dem türkischen Außenminister Abdullah Gül betonte Schalom die gemeinsamen Werte Israels und der Türkei. Die enge Zusammenarbeit beider Länder in den vergangenen Jahren fußt nicht zuletzt auf einer gemeinsamen Selbsteinschätzung: Beide sehen sich als Vorposten des Westens in einer arabischen Umwelt.

„Wenn wir gegen diese Terroristen zusammenarbeiten, werden wir gewinnen", sagte Schalom. Falls Israel Zweifel an der Bereitschaft oder der Fähigkeit der türkischen Behörden hegt, die Anschläge aufzuklären, ließ sich Schalom es nicht anmerken. Schon am Tag der Anschläge hatte Israel angeboten, Agenten des Mossad nach Istanbul zu schicken, um bei den Ermittlungen zu helfen. Von den türkisch-israelischen Verstimmungen der letzten Tage war am Sonntag jedenfalls nichts zu spüren. Die Tragödie von Istanbul führte sogar zu einer historischen Premiere im Umgang des türkischen Staates mit seiner jüdischen Minderheit: Erdogan sprach am Sonntag in Istanbul mit dem Ober-Rabbiner der Türkei, Yithzak Haleva – es war das erste Treffen eines türkischen Premiers mit dem Chef der jüdischen Gemeinde im Land.

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