Politik : In Tschetschenien setzt Moskau weiter auf Gewalt

Friedemann Kohler

Zum Jahreswechsel sind in der von Russland abtrünnigen Kaukasus-Republik Tschetschenien die Kämpfe wieder aufgeflammt. Die russische Armee berichtete von großen "Spezialoperationen", bei denen mehr als 100 tschetschenische Freischärler getötet worden seien. Die Rebellen dementierten diese Verluste. Die Zivilbevölkerung litt unter der Fortsetzung der berüchtigten "Säuberungen". Tagelang riegelten russische Truppen und Polizeikräfte Dörfer und Städte ab und durchkämmten mit Waffengewalt Häuser nach angeblichen Terroristen.

Trotz aller russischen Erfolgsmeldungen über eine Befriedung des Nordkaukasus geht der Krieg mit unverminderter Härte in sein drittes Jahr. Die russische Seite hat nach eigenem Eingeständnis mehr als 3000 Soldaten verloren. Außerdem wurden mehr als 10 000 tschetschenische Kämpfer sowie schätzungsweise 60 000 Zivilisten getötet. Die Orte Zozin-Jurt, Geldagana und Kurtschaloi, die seit dem 30. Dezember eingekesselt waren, sowie die am Freitag abgeriegelte Stadt Argun liegen alle unweit der Hauptstadt Grosny im Flachland Tschetscheniens. Angeblich kontrolliert die russische Armee diesen Teil der Republik seit dem Einmarsch im Herbst 1999.

Die Schlagkraft der tschetschenischen Rebellen reicht seit langem nicht mehr zu offenen Feldschlachten. Doch fast täglich beschießen sie Posten von Armee und Polizei, legen Bomben und terrorisieren Landsleute, die angeblich mit Moskau kollaborieren.

Seit den Anschlägen gegen die USA vom 11. September ist der internationale Protest gegen das Vorgehen der Russen in Tschetschenien nahezu vollends verstummt. Der Westen hat sich der Sichtweise des Kremls angenähert, die Tschetschenen seien Terroristen. "Wir haben schon gesagt, dass viele der Rebellen, die in Tschetschenien kämpfen oder Terrorakte begangen haben, in Terroristenlagern ausgebildet wurden", sagte der Sprecher des US-Außenministeriums, Richard Boucher.

Die Kontakte zwischen den Rebellen und islamischen Extremisten sind bekannt, doch überzeugende Beweise für die vom Kreml behauptete Zusammenarbeit fehlen. Auch Berichte, Tschetschenen kämpften in Afghanistan auf Seiten der Terror-Organisation Al Qaida, haben sich bei Recherchen des russischen Menschenrechtlers Andrej Mironow vor Ort nicht bestätigt. Die USA riefen die Moskauer Führung dazu auf, den im November geknüpften Gesprächsfaden wieder aufzunehmen. Das Treffen zwischen dem Präsidentenbevollmächtigten im Nordkaukasus, Viktor Kasanzew, und dem Tschetschenen-Vertreter Achmed Sakajew fand bislang keine Fortsetzung. Leidtragende der Kämpfe um Zozin-Jurt waren erneut die Zivilisten.

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