Indien : Hunger auf mehr

Anna Hazare, Indiens „neuer Gandhi“, beendet seine erste Aktion gegen Korruption – weitere sollen folgen

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Seit knapp einem Jahr wird die indische Regierung von Premierminister Manmohan Singh von einem Korruptionsskandal nach dem nächsten gebeutelt. Nun protestiert das Land - Leitfigur ist Bürgerrechtler Anna Hazare.Weitere Bilder anzeigen
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22.08.2011 14:56Seit knapp einem Jahr wird die indische Regierung von Premierminister Manmohan Singh von einem Korruptionsskandal nach dem...

Dreizehn Tage hatte er jeden Bissen Nahrung verweigert, sieben Kilo in dieser Zeit abgenommen. Nun hat Indiens „neuer Gandhi“, wie Anna Hazare tituliert wird, seinen Hungerstreik beendet. Am Sonntag um 10 Uhr 20 brach er, von TV-Sendern live im ganzen Land übertragen, mit einigen Schlucken Kokosnussmilch symbolisch sein Fasten. Indiens Regierungschef Manmohan Singh dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Der 74-jährige Hazare hatte gedroht, sich auf einer Bühne in Delhis Ramlila-Park öffentlich zu Tode zu hungern, sollte die Regierung das geplante Antikorruptionsgesetz nicht verschärfen. Er hatte damit eine landesweite Protestlawine losgetreten. Am Wochenende lenkten die Politiker ein. In einer Sondersitzung sicherte das Parlament per Akklamation zu, auf drei Kernforderungen Hazares bei dem sogenannten Lokpal-Gesetz einzugehen.

Und die Nation jubelte. Wahlweise von einem Sieg „für Indien“, „für das Volk“ oder „für die Demokratie“ sprachen die Medien. Im Ramlila-Park tanzten und sangen tausende Anhänger Hazares. Damit ging ein Machtkampf zu Ende, der Indiens Regierung in eine ihrer schwersten Krisen gestürzt hat. Eine solche Protestwelle hatte das Land seit Jahrzehnten nicht gesehen. Der bis dato wenig bekannte Hazare, den alle respektvoll „Anna“, großer Bruder, nennen, stieg zum Politstar, zum Volkshelden auf. Großspurig erhob er seine Kampagne „zum zweiten Unabhängigkeitskampf“. Halb Indien war im „Anna“-Fieber, die Medien kannten kaum noch ein anderes Thema. Die Regierung gab derweil kein gutes Bild ab. Sie wirkte konfus und kopflos. Um den sturen Greis aus dem Verkehr zu ziehen, hatte sie Hazare sogar für drei Tage ins Gefängnis werfen lassen. Doch der drehte den Spieß um und begann, im Knast zu fasten.

Vorbei ist der Konflikt noch nicht. Sein Hungerstreik sei nur ausgesetzt, sein Kampf gehe weiter, bis das Gesetz verabschiedet sei, warnte der Exsoldat, der sich nun für einige Tage in einem Krankenhaus erholt. Aus westlicher Sicht mag Hazare wie ein wunderlicher Kauz wirken, der sich als Gandhi-Erbe geriert. Kritiker sehen in ihm dagegen einen autoritären Führer, der dem Parlament seinen Willen aufzwingen will. Auch sei das von ihm vorgeschlagene Lokpal-Gesetz kein Allheilmittel. Dazu ist die Korruption viel zu tief in Indiens System verankert. Das weiß allerdings auch Hazare selbst, der dies nur einen ersten Schritt nennt.

Aber der 74-Jährige konnte nur deshalb so erfolgreich sein und die Massen begeistern, weil er den Nerv des Volkes traf. Weil er einer lange schwelenden Wut eine Stimme, ein Ziel und eine Leitfigur gab. Hazares Kampagne hat Indien vielleicht mehr verändert, als heute bereits absehbar ist. Was man in den letzten Wochen beobachten konnte, war das Erwachen von Indiens Zivilgesellschaft. Das Volk sei sich seiner Macht bewusst geworden, sagt der populäre Guru Sri Sri Ravi Shankar, der einer der Unterhändler bei dem Kompromiss war. So sind die Massenproteste auch ein Weckruf an Indiens Elite, die seit Jahrzehnten Land und Volk ausbeutet. Zwar erlässt die Politik ein wunderbares Gesetz nach dem anderen, um Armut und Hunger einzudämmen. Doch das meiste Geld versickert regelmäßig in dunklen Kanälen.

Die Politiker hätten den Kontakt zur Realität und zu ihrem Volk verloren, meint Ravi Shankar. „Dies ist keine gesunde Demokratie.“ Der deutsche Indienexperte Klaus Voll spricht sogar von einem „System einer demokratisch legitimierten, bürokratischen Staatsklasse mit zunehmenden plutokratischen und kriminellen Tendenzen sowie gesellschafts- und wirtschaftspolitisch struktureller Gewalt“. Rückgrat der jüngsten Proteste war zweifellos Indiens erstarkende städtische Mittelschicht. Aber wer die Bewegung als reines Mittelschichtsphänomen abtut, irrt. Hazares Kampf fand Unterstützer in allen Schichten. Selbst Tribals, Indiens Ureinwohner, die oft noch schlechter als Tiere behandelt werden, reisten von weither an: 22 Tribal-Dörfer kratzten ihre letzten Rupien zusammen, um zwölf Abgesandte auf eine mehrtägige Reise mit dem Bus nach Delhi zu schicken. „Wir leben von Blättern und Käfern“, sagte einer. „Anna Hazare ist unsere letzte Hoffnung.“

Den Greis dürstet es bereits nach neuen Taten. Er will nun durchs Land touren und die Menschen aufrufen, bei den nächsten Wahlen allen bestechlichen Politikern die rote Karte zu zeigen – und das dürften in Indien ziemlich viele Kandidaten sein.

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