Politik : Indien: Kampf der Religionen

Gabriele Venzky

Schwarze Rauchwolken stehen über der Millionenmetropole Ahmadabad und anderen Städten im Westen Indiens. Rund 300 extremistische Hindus steckten in der Nacht in einem Elendsviertel die Behausungen der dort lebenden muslimischen Minderheit an - mindestens 52 Männer, Frauen und Kinder verbrannten. Nach Tagesanbruch erfassten die Unruhen die ganze Stadt und nahmen bürgerkriegsähnliche Formen an. Bewaffnete Banden beider Religionen gingen mit Knüppeln, Steinen und selbstgebauten Sprengsätzen aufeinander los. Insgesamt sind seit Beginn der Unruhen mehr als 250 Meschen getötet worden.

Am vergangenen Dienstag waren mindestens 58 Menschen von einem wütenden Muslim-Mob bei lebendigem Leib in ihrem Eisenbahnzug verbrannt worden, allesamt Hindus. 130 Millionen der über eine Milliarde Menschen in Indien bekennen sich zum Islam. So bedrohlich ist die Lage, dass Premierminister Vajpayee über das Fernsehen zu Ruhe und Besonnenheit aufrief, eine Mahnung, die nicht gehört wurde. Währenddessen droht der Religionsstreit zwischen Hindus und Muslimen das Land in eine tiefe Krise zu stürzen. Seinen Ausgang genommen hat er in Ayodhya. In dieser alten Stadt im chaotischen Großstaat Uttar Pradesh soll der Hindugott Ram geboren sein. Der erste Moghul-Eroberer, ein General namens Babar, der dann die Moghul-Dynastie begründete, baute im Jahr 1528 zum Zeichen der Unterwerfung der Hindus auf dieser Geburtsstätte eine Moschee. Vierhundert Jahre lang wurde das Bauwerk von den Hindus als Provokation empfunden, immer wieder kam es zu tödlichen Religionsunruhen, so dass sowohl die britischen Kolonialbehörden wie später das freie Indien den Platz komplett sperrten. Weder Hindus noch Muslime sollten hier beten dürfen.

Doch 1992 entschloss sich die aufsteigende radikale Hindu-Rechte, deren politischer Arm die heute in Delhi regierende BJP ist, alle Verbote zu ignorieren und das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Hunderttausende fanatisierte Hindus kletterten über die Absperrungen, rissen die mächtige Moschee ein und bauten einen winzigen provisorischen Tempel. Es folgten Metzeleien.

Premier Vajpayee, der gerne als das liberale Aushängeschild der Rechten bezeichnet wird, hat sich in den letzten Jahren zunehmend von Ayodhya distanziert. Ehe das Oberste Gericht nicht entschieden hätte, ob auf dem Gelände gebaut werden dürfe oder nicht, müsse Ruhe herrschen, sagt er immer wieder. Doch er ist in einem Dilemma. Einmal soll er es seiner radikalisierten Wählerschaft recht machen. Zum anderen muss er sich als wichtiger Partner in der weltweiten Anti-Terror-Koalition als jemand präsentieren, der dem Recht und der Gerechtigkeit verpflichtet ist und der alle Religionen gleich behandelt.

Doch die radikalen Hindus tun alles, um das Image des Premiers und seiner Regierungspartei zu untergraben. 50 Jahre hätten sie auf ihren Tempel gewartet, und nun sei ihre Geduld am Ende. Deshalb fordern sie von der indischen Regierung grünes Licht für den Baubeginn. Falls man darauf nicht eingehe, würden sie mit Hunderttausenden von Freiwilligen die festungsartigen Absperrungen in Ayodhya überrennen und mit dem Bau am 12. März beginnen. Dafür ist alles bestens vorbereitet. 100 000 Aktivisten halten sich an der vorgesehenen Konstruktionsstätte auf. Leute, die aus dem ganzen Land herangekarrt werden. Ein solcher Zug mit 3000 Freiwilligen, die mit provokativen Sprüchen durchs Land fuhren, war es, der am Dienstag von wütenden Muslimen verbrannt wurde. Für die Hindu-Fundamentalisten ist Ayodhya zur Machtprobe geworden. Sie wollen dem säkularen und demokratischen Indien ein Ende zu machen.

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