Indien : Kein guter Geist

Heute könnte in Indien die umstrittene Pratibha Patil Präsidentin werden. Viele Inder halten sie für einen kolossalen Fehlgriff.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Indien
Die 72-jährige Politikerin Pratibha Patil hat gute Chancen auf das Präsidentenamt. -Foto: AFP

Viele Inder halten sie für einen grandiosen Fehlgriff, eine skandalöse Fehlbesetzung. Dennoch wird die 72-jährige Politikerin Pratibha Patil an diesem Donnerstag aller Voraussicht nach zur Präsidentin gewählt - weil es Sonia Gandhi und ihre regierende Kongresspartei so wollen. Zwar ist das höchste Staatsamt weitgehend zeremonieller Natur, aber Opposition und große Teile der Öffentlichkeit sind empört – und das noch am allerwenigsten, weil Patil behauptet, mit Geistern zu sprechen.

Noch nie wurde ein Kandidat für das Präsidentenamt so kontrovers diskutiert. Noch beinahe moderat mutet das Verdikt der bekannten Autorin Schobhaa De an: „Pratibha Patil hat einfach nicht das Zeug für dieses Amt.“ Das Magazin „India Today“ spricht von einer „beschämenden Wahl“, die „Asian Age“ von einer „Katastrophe“. „The Tribune“ meint: „Eine solche Person als Präsidentin zu haben, ist furchterregend.“ Patil war nicht Sonia Gandhis erste Wahl. Erst als die Linke sich gegen mehrere Kandidaten sperrte, zauberte sie Patil aus dem Hut – die bisherige Gouverneurin von Radschasthan war bis dahin den meisten Indern unbekannt. Nun werden immer mehr dunkle Flecken aus der Vergangenheit von Patil und ihrer Familie bekannt, die an ihrer Eignung für das Amt zweifeln lassen.

Eine von ihr 1973 gegründete Genossenschaftsbank für arme Frauen soll Verwandte Patils großzügig mit Krediten bedacht haben, von denen angeblich 400 000 Euro nie zurückgezahlt wurden. Der Bank wurde 2003 die Lizenz entzogen. Kleinanleger warten bis heute auf ihr Geld. Ominös ist der Verbleib von Geldern für eine von ihr geführte Zuckerfabrik, die hoch verschuldet pleiteging. Ihr Mann Devihinh Schekhawar, der mehrere Schulen führt, schlägt sich mit einem Verfahren herum: Er soll einen Lehrer durch Mobbing in den Selbstmord getrieben haben. Ihr Bruder G. N. Patil soll selbst in einen Mord verwickelt sein: Die Witwe eines Kongresspolitikers bezichtigt ihn, den Mord an ihrem Mann veranlasst zu haben. Und sie warf Pratibha Patil öffentlich vor, ihren Bruder zu decken. Zum Gespött machte sich die Kandidatin, als sie sagte, sie habe mit dem Geist eines verstorbenen Sektenführers gesprochen. Dieser habe ihr eine „große Verantwortung“ vorhergesagt.

Doch die Kongresspartei hielt an Patil fest. So hat sie beste Chancen, als erste Frau Präsidentin zu werden. Der Präsident wird vom Bundes- und den Länderparlamenten gewählt – und dort scheint Gandhi eine Mehrheit gesichert zu haben. Hätten die Bürger das Sagen, würde wohl der bisherige Präsident, der beliebte Nuklearwissenschaftler A. P. J. Abdul Kalam, eine zweite Amtszeit antreten.

Doch in der Kongresspartei siegte offenbar Machtkalkül. Schon der 1984 ermordeten Premierministerin Indira Gandhi diente Patil ergeben. Nun steht sie in der Schuld von Sonia Gandhi. Das könnte bei den Wahlen 2009 entscheidend sein: Sollte keine Partei eine klare Mehrheit erringen, müsste die Präsidentin eine Partei mit der Regierungsbildung beauftragen. Auch wenn Sonia Gandhi Zweifel an der Person Patils gekommen sind, hätte sie kaum mehr umschwenken können: Sie hatte sich mit ihr Händchenhaltend ablichten lassen – nach diesem „Fehlgriff“ gab es kein Zurück mehr.

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