Indien : Vergewaltiger stirbt in der Zelle

War es Selbstmord, wie die Polizei sagt? Oder Lynchjustiz und Mord, wie die Familie meint? Knapp drei Monate nach der grauenhaften Gruppenvergewaltigung einer 23-jährigen Studentin in Indiens Hauptstadt Delhi hat der Fall eine Wende genommen.

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Für Indiens Sicherheitskräfte ist der Tod des Angeklagten eine Blamage.
Für Indiens Sicherheitskräfte ist der Tod des Angeklagten eine Blamage.Foto: dpa

Am Montagmorgen gegen fünf Uhr wurde der Hauptangeklagte Ram Singh erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Die Polizei spricht von Selbstmord. Singhs Familie und sein Anwalt vermuten dagegen Mord. Singh galt als Anführer bei der brutalen Tat, die wochenlange Proteste in Indien und weltweites Entsetzen auslöste. Der 33-Jährige und fünf Mittäter hatten die Studentin im Dezember in einem Bus vergewaltigt und so furchtbar gefoltert, dass sie zwei Wochen später starb.

Sein Tod ist eine Blamage für die Behörden, die für seine Sicherheit zuständig waren – und könnte den Prozess erschweren. Innenminister Sushilkumar Shinde sprach von „groben Mängeln“ bei der Überwachung. Singh saß im Megaknast Tihar in Delhi ein, der als Hochsicherheitsgefängnis gilt und 12 000 Insassen beherbergt. In der Nacht habe er aus seinen Kleidern einen Strick gebastelt und sich erhängt, sagte ein Sprecher des Gefängnisses.

Seine Familie und sein Anwalt glauben dagegen, dass er ermordet wurde. „Mein Sohn hat keinen Selbstmord begangen“, sagte sein Vater Mangelal Singh. „Er hat mir erzählt, dass sein Leben in Gefahr ist und dass andere Häftlinge ihn vergewaltigt haben.“ Ähnlich äußerte sich sein Anwalt. „Er wurde im Gefängnis getötet.“ Die Familie der ermordeten Studentin zeigte sich schockiert. Sie habe Gerechtigkeit für ihre Tochter erhofft, nun sei der Haupttäter tot, sagte die Mutter.

Das brutale Verbrechen hatte eine Debatte über Gewalt gegen Frauen losgetreten. Über Wochen zogen junge Männer und Frauen auf die Straße. Die Regierung beschloss härtere Strafen für Vergewaltiger. Frauengruppen fordern jedoch einen breiteren Ansatz. So kam es in Delhi vergangenes Jahr nur in einem von 706 Vergewaltigungsfällen überhaupt zu einer Verurteilung.


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