Politik : Indonesien: In Ost-Timor brechen die alten Konflikte wieder auf

Michael Streck

In Ost-Timor gibt es vielleicht ein paar Hundert verrostete Taxen, aber Tausende nagelneuer Allrad-Jeeps. Das bizarre Ungleichgewicht reflektiert den Wandel, den das Land seit dem Unabhängigkeitsreferendum am 30. August 1999 durchgemacht hat. Damals votierten knapp 80 Prozent der Bevölkerung für die Loslösung von Indonesien.

In den Wochen danach mordeten und brandschatzten pro-indonesische Milizen mit Hilfe der indonesischen Armee. Sie töteten Hunderte von Menschen, vertrieben 200 000 nach West-Timor und zerstörten 70 Prozent der Infrastruktur. Die ersten Soldaten der multinationalen Friedenstruppe, die am 23. September Ost-Timor erreichten, fanden eine ruinierte Insel vor.

Seit dem Abzug der Indonesier haben die Vereinten Nationen eine Übergangsverwaltung eingerichtet. Ihre wichtigste Aufgabe: Die Wirtschaft des armen Landes in Gang bringen. Die nächsten Monate sind entscheidend. Die Erntesaison beginnt und es wird sich zeigen, wie fruchtbar die Bemühungen der UN und der vielen Hilfsorganisationen waren, beim Wiederaufbau der Landwirtschaft zu helfen.

Mittlerweile existiert auch ein geschäftiger Privatsektor. Händler und Handwerker aus Australien arbeiten im UN-Auftrag, weil sich mit dem Heer an ausländischen Mitarbeitern glänzende Geschäfte machen lassen. Die Preise in der Hauptstadt Dili sind explodiert, eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen Einheimischen und Ausländern ist entstanden.

Seit Beginn ihres Auftrags sehen sich die UN mit Klagen über das schleppende Tempo bei der Entwicklung des Landes konfrontiert. Die enorme Bürokratie behindere den Aufbau, kritisieren immer wieder Vertreter von Hilfsorganisationen. UNTAET-Chef Sergio de Mello hält dagegen, dass die internationalen Geldgeber selten so rasch reagiert hätten wie bei der Finanzierung von Projekten in den Bereichen Versorgung und Infrastruktur.

Auch die Vorwürfe über eine zu geringe Beteiligung der Ost-Timoresen an Entscheidungsprozessen versucht de Mello dadurch zu entkräften, dass er ein Gremium eingerichtet hat, in dem Vertreter aus allen 13 Bezirken und sozialen Gruppen versammelt sind. Selbst einer Umwandlung der alten Guerilla-Kämpfer in reguläre Armeeeinheiten hat er zugestimmt. Vertraut mit den schwer zugänglichen Bergregionen, sollen sie die 8 000 Blauhelme unterstützen. Nach wie vor dringen Milizen aus West-Timor ein, terrorisieren die Bevölkerung und versuchen, den demokratischen Prozess zu sabotieren. Kürzlich haben sie zwei UN-Soldaten an der Grenze erschossen.

Doch auch innerhalb der Ost-Timoresen gärt es. Die alten Diffenrenzen zwischen Clans tauchen wieder auf. Eine gemeinsame politische Plattform versucht die Spannungen zu überbrücken. Unklar bleibt, welche Amtssprache und Währung eingeführt werden soll. Das Beispiel Sprache zeigt, welcher Riss auch zwischen den Generationen besteht. Die einstigen Rebellen bevorzugen portugiesisch als Amtssprache. Die Jüngeren wollen Indonesisch sprechen und fühlen sich von den Alten nicht ernst genommen.

Die kommenden Monate werden zeigen, wer sich bei der Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfs durchsetzt. Derzeit verhandeln die Ost-Timoresen mit den UN über den Zeitpunkt der ersten Wahlen. Noch drängen sie zur raschen Übergabe der Verwaltung, doch schon ist deutlich, dass der Wiederaufbau ohne die vermittelnde Rolle der UN viel schwieriger wird. Der Jahrestag der Freiheit wurden jedoch mit Umzügen und Gottesdiensten gefeiert.

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