Politik : Ingeborg Schäuble über die Bekämpfung von Armut und Hunger (Interview)

1974 verkündete die Welternährungskonfer

Ingeborg Schäuble (56) ist seit November 1996 Vorstandsvorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe. Sie ist mit dem scheidenden Parteichef der CDU, Wolfgang Schäuble, verheiratet.

1974 verkündete die Welternährungskonferenz, in zehn Jahren solle keiner mehr hungern. Im Jahr 2000 hungern 800 Millionen Menschen. Ist der Kampf aussichtslos?

Es sieht zumindest so aus, wenn man die Zahlen gegenüberstellt. Aber die Zahl der Hungernden hat auch tatsächlich abgenommen, wir haben heute nur noch in den Entwicklungsländern 790 Millionen Hungernde, insgesamt sind es 800 Millionen. Diese Zahl war früher wesentlich höher, sie lag bei 930 Millionen. Die Menschen haben einiges unternommen, um gegen den Hunger zu kämpfen. Allerdings haben sich viele äußere Bedingungen verschlechtert, mehr Bevölkerungswachstum, Umweltzerstörung, Kriege und schlechte Regierungsführung.

Nahrungsmittel sind global ausreichend vorhanden, dennoch gibt es Hunger. Warum?

Zum einen wird gemessen, was es für ein Angebot an Nahrungsmitteln gibt. Wenn man das umrechnet auf die Bevölkerung, dann ist in der Tat genügend vorhanden. Aber das sind Durchschnittswerte. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Es gibt Regionen, in denen viele Menschen hungern und andere, in denen die Menschen überversorgt sind. Es ist genügend da, aber die Menschen, die unter Hunger leiden, sind zu arm, um Nahrung zu kaufen. Oder sie leben in Regionen, wo Nahrungsmittel nicht hinkommen, etwa wenn Krieg herrscht oder die Bedingungen schlecht sind, wie beispielsweise in Äthiopien, wo es oft Dürren gibt.

Hat denn die Entwicklungspolitik der reichen Länder versagt?

Es gibt eine Reihe von Ursachen, die zur jetzigen Situation geführt haben. Sicherlich war die Entwicklungspolitik nicht immer erfolgreich, manche sagen, sie war sogar kontraproduktiv, denn sie hat aus armen Ländern abhängige Länder gemacht. Aber es gibt mehr Ursachen. Denken sie an die Zeiten des Kalten Krieges, da haben die östlichen Länder bestimmte Regierungen unterstützt, die Entwicklungsleistungen kamen überhaupt nicht der Bevölkerung zu Gute. Es gibt aber auch positive Entwicklungen, wie die Senkung der Kindersterblichkeit, die Senkung des Analphabetismus, stabilere Demokratien, und auch die Verwirklichung der Menschenrechte macht Fortschritte.

Aber sie würden sagen, dass Bekämpfung von Armut und Unterernährung ohne politische Unterstützung nicht zu realisieren ist?

Zunächst müssen die jeweiligen Regierungen in den Ländern ganz bewusst die Armut bekämpfen. Sie müssen auch für ein ausreichendes Nahrungsmittelangebot sorgen. Friedensnobelpreisträger Sen hat einmal gesagt, Hunger gibt es fast nur noch in Ländern, wo keine demokratischen Verhältnisse herrschen. Ich glaube, dass das so stimmt.

Was muss sich verbessern?

Das wichtigste wird sein, das nicht jedes Land seine eigene Entwicklungspolitik macht. Jetzt hat Europa die Chance, sich abzustimmen und eine einheitliche Entwicklungspolitik zu machen. Das ist deshalb wichtig, weil Europa rund 60 Prozent der gesamten Entwicklungshilfe aufbringt. Dieser Betrag muss sinnvoll eingesetzt werden, dann bewirkt er etwas. Zudem finde ich es gut, dass die westlichen Regierungen Wert darauf legen, dass sie das Geld Ländern geben, die auch vernünftig und verantwortungsbewusst regiert werden. Es nützt ja nichts, wenn das Geld in Bürokratien oder korrupten Taschen verschwindet.

Wie hilft die Welthungerhilfe konkret?

Als private Organisation sehen wir uns als geeignet an, gerade in der Armutsbekämpfung tätig zu sein, weil wir im Gegensatz zu Regierungen mit den Betroffenen selbst und deren Organisationen zusammenarbeiten können und auch sehr viel detaillierte Kenntnisse über einzelne Länder haben.

Was sollte denn die wichtigste Erkenntnis aus dem neuen Jahrbuch sein?

Dass wieder über Hunger und Armut diskutiert wird. Das Interview führte Armin Lehmann

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