Politik : Inguschetien kann kaum noch Menschen aufnehmen

gt/ilo

Die Menschen fliehen mit allem, was Räder hat. Auf den Zufahrtsstraßen stauen sich kilometerlange Kolonnen aus Lastwagen, Autos und Bussen. Zwischen 500 000 bis 800 000 Menschen leben in Tschetschenien. Noch ist ein Ende der Flüchtlingstrecks, die sich auch ins westlich von Tschetschenien gelegene Dagestan auf den Weg gemacht haben, nicht abzusehen.

Der Präsident Inguschetiens, Ruslan Auschew, erklärte am Freitag, 133 000 Flüchtlinge aus Tschetschenien seien bereits in der kleinen Republik angekommen. Allein in den letzten 24 Stunden seien 14 000 Flüchtlingen in Inguschetien eingetroffen. "Die Republik erstickt einfach", erklärte Auschew. Das kleine Inguschetien hat selbst nur 300 000 Einwohner. Zudem leben hier seien Jahren Zehntausende Angehörige einer inguschetischen Minderheit,die aus dem benachbarten Nord-Ossetien geflüchtet sind.

Die russische Migrationsbehörde schätzt die Gesamtzahl der Flüchtlinge in Inguschetien auf 300 000 Menschen. Im Klartext: Jeder zweite Bewohner Inguschetiens ist ein Flüchtling. Im Lager Katuschewa sind jetzt 450 Flüchtlinge registriert. In Wirklichkeit leben hier wesentlich mehr. Wie in den meisten anderen Lagern auch, reichen die Zelte nicht für alle Flüchtlinge. Viele Menschen müssen unter offenem Himmel schlafen . In den Lagern leben vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen. Auf kleinen Öfchen versuchen die Frauen, irgendetwas Essbares zuzubereiten. Brot und Wasser werden kostenlos von der örtlichen Verwaltung geliefert.

Am Donnerstag wurde ein Teil der Flüchtlinge in die inguschische Ortschaft Slepzow transportiert. Dort stehen 105 Eisenbahnwagons, die das russische Notstandsministerium als Unterkunft zur Verfügung gestellt hat. Doch viele der älteren Tschetschenen sträuben sich, in den Waggons zu leben. Die Erinnerung an die Deportation unter Stalin, als die Tschetschenen in Eisenbahnwagons nach Mittelasien deportiert wurden und 200 000 dabei umkamen, sind noch wach.

Inguschetiens Präsident Auschew erklärte, die von Moskau versprochene Hilfe befinde sich noch im Projektstadium. Es mangele an Lebensmitteln, Kindernahrung, warmer Kleidung und Bettzeug. Die Verwaltung von Inguschetien könne nur 10 000 Flüchtlinge mit Lebensmitteln versorgen. Tschetscheniens Nachbarrepubliken Inguschetien und Nord-Ossetien setzen sich dafür ein, dass den Flüchtlingen aus Tschetschenien die Weiterreise zu Verwandten nach Russland gestattet wird. Doch obwohl die russische Sozialministerin Matwijenko bei ihrem Besuch in den Flüchtlingslagern eine entsprechende Zusage gemacht hat, verhindern die Sicherheitskräfte eine Weiterreise. Von diesem strengen Reglement sind selbst Russen aus Grosnij betroffen.

Nach Angaben der Zeitung "Sewodnja" will die russische Migrationsbehörde die Flüchtlinge aus Tschetschenien in weiter gelegene Gebiete nach Russland leiten. Offiziell wird dies damit begründet, dass in den nahe Tschetscheniensgelegenen russischen Gebieten seit 1992 bereits 120 000 Flüchtlinge leben. Inoffiziell wird auf die antitschetschenische Stimmung in Südrussland verwiesen.

Unterdessen haben tschetschenische Kämpfer der russischen Armee am Freitag erbitterten Widerstand geleistet und ihr nach eigenen Angaben schwere Verluste zugefügt. Bei einem Überraschungangriff am Tarek-Fluss töteten die Tschetschenen nach Angaben des Präsidentenamtes in Grosny in vierstündigen Gefechten 200 Soldaten. Die russische Armee räumte schwere Kämpfe und Verluste ein. Das Moskauer Verteidigungsministerium sprach aber von lediglich vier getöteten Soldaten.

Der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow hat nach einer Meldung der Nachrichtenagentur RIA die Nato zur Vermittlung im Konflikt mit Russland gebeten. Maschadow habe in einem Appell an den neuen Nato-Generalsekretär George Robertson erklärt, was in Tschetschenien geschehe, sei eine Verletzung der Demokratie und der Menschenrechte .ULRICH HEYDEN





Grosny/Moskau, 8. Oktober (AFP) - Tschetschenische Kämpfer haben der russischen Armee am Freitag erbitterten Widerstand geleistet und ihr nach eigenen Angaben schwere Verluste zugefügt. Bei einem Überraschungangriff am Tarek-Fluss töteten die Tschetschenen nach Angaben des Präsidentenamtes in Grosny in vierstündigen Gefechten 200 Soldaten. Die russische Armee räumte schwere Kämpfe und Verluste ein. Das Moskauer Verteidigungsministerium sprach aber von lediglich vier getöteten Soldaten. Tschetscheniens Präsident Aslan Maschadow warnte Russland in einem Zeitungsinterview vor einer bitteren Niederlage. Gleichzeitig erneuerte er sein Angebot, den Konflikt politisch zu lösen. Der Kreml wies das Gesprächsangebot ab. Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin schloss einen Vormarsch der Regierungsarmee nach Grosny nicht aus. Der Flüchtlingsstrom in die Nachbarrepublik Inguschetien hielt an.

Nach der Offensive der tschetschenischen Kämpfer auf das von der russischen Armee besetzte Dorf Ischtscherskaja am Nordufer des Flusses hätten sich die Angreifer wieder auf ihre Seite des Terek zurückgezogen, erklärte ein Sprecher Maschadows. Dabei hätten sie 40 russische Soldaten als Gefangene genommen und 30 gepanzerte Fahrzeuge zerstört.

Die russische Armee setzte ihre Luft- und Artillerieangriffe auf Dörfer im Nordwesten und Osten Tschetscheniens fort. Ein Versuch der Regierungstruppen, die Stadt Goragorski einzunehmen, scheiterte dabei am Donnerstagabend nach russischen Armeeangaben am erbitterten Widerstand der Tschetschenen.

Präsident Maschadow warnte Moskau vor einer neuen Niederlage wie nach dem ersten Tschetschenien-Krieg von 1994 bis 1996. "Die Militärmaschinerie ist nun einmal gestartet und wird schwer zu stoppen sein", sagte er der russischen Tageszeitung "Kommersant". "Aber ich habe keinen Zweifel, dass dieser neue Tschetschenien-Krieg für Russland in Ruin und Demütigung enden wird." Sein Verhandlungsangebot wies der Kreml zurück: Ein Treffen zwischen Maschadow und dem russischen Präsidenten Boris Jelzin könne er sich nur "schwer vorstellen", sagte Kremlsprecher Dimitri Jakuschkin der Nachrichtenagentur Itar-Tass.

Der erste Tschetschenien-Krieg war 1996 nach 21 Monaten mit einer Niederlage für die russischen Truppen zu Ende gegangen. Die Kaukasus-Republik betrachtet sich seitdem als unabhängig. Moskau hat dies jedoch bis heute nicht anerkannt und sieht Tschetschenien als Teil der russischen Föderation an.

Russische Truppen waren vor eine Woche in Tschetschenien eingedrungen und haben im Norden der abtrünnigen Republik bisher ein Drittel des Gebietes unter ihre Kontrolle gebracht. Der Angriff richtet sich nach russischer Darstellung gegen tschetschenische Moslem-Rebellen. Diese waren in den vergangenen Wochen zweimal ins benachbarte Dagestan einmarschiert und hatten einen islamischen Gottesstaat ausgerufen. Die Rebellen werden von Moskau zudem für mehrere Bombenanschläge in Russland verantwortlich gemacht, bei denen fast 300 Menschen getötet wurden.

Die Zahl der tschetschenischen Flüchtlinge in der Nachbarrepublik Inguschetien stieg unterdessen auf rund 159.000. Präsident Ruslan Auschew warnte erneut vor einer humanitären Katastrophe. Es fehle an Nahrung, Medikamenten und warmer Kleidung für die Schutzsuchenden. Viele von ihnen müssten im Freien schlafen.

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