Inhaltsleere : Endspurt im indischen Wahlmarathon

Am Mittwoch gehen in Indien die Parlamentswahlen zu Ende. Der Wahlkampf im Vorfeld kreiste sich um mögliche Regierungsallianzen - Massenarmut, Wirtschaftskrise, Korruption und Terrorismus spielten kaum eine Rolle.

Christine Möllhoff

Neu-DelhiEr hat sich ins Zeug gelegt, mehr als jeder andere Politiker Indiens. Die Rekordstrecke von 87.000 Kilometern ist Rahul Gandhi, der 38-jährige Kronprinz der Gandhi-Dynastie mit dem Teddybär-Charme, in nur fünf Wochen auf und ab durchs Land gejettet. Er hat Dörfer bereist, Wahlreden gehalten und in den Hütten der Armen gespeist. Es steht viel auf dem Spiel. Die Gandhis sind weiter ein Mythos, verehrt wie Götter, bejubelt wie Popstars. Aber ihre betagte Kongresspartei kämpft gegen den schleichenden Niedergang. An diesem Mittwoch geht Indiens einmonatiger Marathon bei der Parlamentswahl in den Endspurt, am Abend sollen erste Wählerumfragen eintröpfeln, am Samstag die Stimmen ausgezählt sein.

Mit europäischen Maßstäben sind diese Wahlen nicht zu fassen: Doppelt so viele Menschen wie in der EU leben in Indien, ein Sechstel der Menschheit. 714 Millionen der 1,1 Milliarden Inder waren aufgerufen, in fünf Etappen abzustimmen. In den 543 Wahlbezirken kämpften rund 4600 Kandidaten. 828.800 Wahllokale wurden eingerichtet.

Beobachter sehen die regierende Kongresspartei leicht vor der oppositionellen Hindu-Partei BJP, aber keine Gruppierung auch nur in Sichtweite einer Mehrheit. Knapp 300 Regional- , Kasten- und Kleinstparteien buhlten um die Wähler. Jede Siegerpartei wird Dutzende Partner brauchen, um eine Mehrheit zusammenzubekommen. Am Ende könnte ein wackliges Zweckbündnis stehen. Viele glauben, dass es schon in zwei, drei Jahren Neuwahlen gibt – und Rahul Gandhi, der Hoffnungsträger der Kongresspartei mit den Grübchen, gegen Narendra Modi, den starken Mann der BJP, antritt.

Beide Parteien schickten nun Auslaufmodelle ins Rennen. Die Kongresspartei wartet erneut mit dem ehrbaren Manmohan Singh (76) auf, die BJP mit dem altersmilden Lal Krishna Advani (81). „Noch nie waren die indischen Wahlen so lustlos“, schimpft der Journalist Prabhu Chawla von „Mail Today“. Von „gähnender Inhaltsleere“ sprechen andere. Massenarmut, Wirtschaftskrise, Korruption, Terrorismus? All das spielte kaum eine Rolle. Die Politik kreiste um sich selbst – und mögliche Regierungsallianzen.

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