Politik : Innige Umarmung

Ein Jahr vor dem Mauerfall ist mein Sohn mit seiner Frau und unserem zwei Jahre alten Enkelkind ausgereist. Wir konnten uns nicht mehr sehen, sondern nur noch telefonieren und da knackte es immer in der Leitung. „Wir haben Mithörer“, hat mein Sohn immer gesagt. Wir sind auch von der Stasi beobachtet worden, mein Mann und ich. Mein Mann nahm an den Montagsdemonstrationen teil, während ich angstvoll zu Hause wartete. Das hat mir sehr zugesetzt – auch gesundheitlich. Am 9. November war ich zur Kur, mein Mann war zu Hause früh schlafen gegangen. Um 2 Uhr nachts klingelte es dort an der Tür und mein Sohn stand da. „Vater, die Mauer ist auf“, hat er gesagt und ihn so fest umarmt, dass mein Mann eine angebrochene Rippe hatte. Ich habe am Morgen sofort gepackt und bin nach Hause gefahren.

ILONA KLITSCHE (78)

Pensionierte Krankenschwester aus Berlin-Prenzlauer Berg

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