Ins Licht getreten : Winfried Kretschmann - so ernst wie seine Politik

Als er die Berliner Bühne betritt, wirkt er für Minuten fast entrückt vor Freude. Dabei ist der Grüne Winfried Kretschmann sonst so ernst wie seine Politik. Nun muss er sich der Verantwortung stellen, von der er so viel gesprochen hat.

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Winfried Kretschmann.
Winfried Kretschmann.Foto: dpa

Man muss ja nicht auf alles antworten. Als das Flugzeug mit Winfried Kretschmann an Bord am Morgen nach seinem Triumph in seiner baden-württembergischen Heimat gegen halb zehn die Hauptstadt anfliegt, trübt keine Wolke den Himmel. Über der Stadt steht strahlend die Frühlingssonne.

„Berlin empfängt dich freundlich, Winfried“, frotzelt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der an diesem Montagmorgen ebenfalls an Bord des Air-Berlin-Fluges 6528 sitzt. Aber Kretschmann, dem Selbstüberschätzung fremd ist und der noch nie glaubte, dass die Sonne für ihn ganz alleine scheint, antwortet nicht. Er sieht einfach weiter aus dem Fenster und schweigt zur Bemerkung des Parteifreundes. Überflüssige Worte sind seine Sache nicht. Auch dann nicht, wenn er ganz persönlich dazu beigetragen hat, die politische Landschaft der Republik zum Beben zu bringen.

Der künftige Ministerpräsident Baden-Württembergs ist nach Berlin gekommen, um seine Partei teilhaben zu lassen an seinem Erfolg. Der soll nun abstrahlen auf die Grünen in anderen Landesteilen und natürlich auf die Grünen im Bund, deshalb will man sich erst beraten und dann gemeinsam vor die Presse gehen.

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Eine Zitterpartie hatte die Parteiführung am Sonntagabend in ihrer Zentrale am Platz vor dem Neuen Tor in Berlin-Mitte vor den Fernsehschirmen durchstehen müssen, bis gegen halb zehn dann feststand, dass der Stimmenvorsprung reicht. Nun, am Montagmorgen, empfangen die Führungsgremien der Partei den ersten grünen Regierungschef mit stehendem Applaus und einem Strauß mit Frühlingsblumen. Parteichefin Claudia Roth herzt ihn heftig, und es scheint, als wolle sie ihn gar nicht mehr loslassen.

Als Boris Palmer vor der Grünen-Parteizentrale steht und die kleine Episode aus dem Flugzeug erzählt, trägt er einen perfekt sitzenden grauen Dreiteiler. Auf Parteitagen der Grünen fällt der schlaksige Politiker gern durch knallbunte Anzüge auf. Und so wirkt Palmers gedecktes Grau an diesem Tag wie ein Sinnbild dafür, dass seine Partei nun auf einer neuen, höheren Ebene der Verantwortung angekommen ist.

Grau, das heißt auch, dass sich die Grünen dieser Verantwortung nun auch stellen müssen. Vor allem Kretschmann und seinem langen Weg an die Spitze der Regierung im Südwesten verdankt sie das. Der hatte sich über die Last des Regierens schon lange Gedanken gemacht, bevor er auch nur in die Nähe der Macht gekommen war – und kann deshalb auch glaubwürdig darüber reden. Als der Wahlsieger wenig später gemeinsam mit Roth, mit ihrem Co-Parteichef Cem Özdemir und der rheinland-pfälzischen Spitzenkandidatin Eveline Lemke vor die Presse tritt, wirkt er, der so ernste Mensch, fast ein wenig entrückt. Minutenlang steht der Mann mit dem markanten Bürstenhaarschnitt und der feinen Drahtbrille auf der Bühne, während zuerst die anderen reden, schaut in den von Journalisten völlig überfüllten Saal und trägt dabei ein inniges Lächeln auf dem Gesicht, das sich gar nicht mehr ausknipsen lässt. Als er dann selber spricht, ist wieder der ganze Ernst zu spüren, mit der er Politik betreibt: „Wir sind uns der hohen Erwartungen und des hohen Vertrauensvorschusses bewusst, der in dem fulminanten Ergebnis liegt“, sagt er in seinem charakteristischen Schwäbisch.

Gemessen am Tempo der politischen Hauptstadt trägt Kretschmann, der zwischendurch ab und zu mit der Zunge schnalzt, seine Sätze langsam und bedächtig vor. Eine „Politik des Gehörtwerdens“ verspricht er, „neue Schritte in die Bürgergesellschaft“, und damit ein Ende jenes konfrontativen Politikstils, der seinen Vorgänger Stefan Mappus in der Gesellschaft isolierte und unbeliebt gemacht hatte.

Der blutige Konflikt um Stuttgart 21 trieb die Umfragewerte der Grünen im Herbst schon einmal in die Höhe, doch nach der Schlichtung durch Heiner Geißler schmolz der Umfragevorsprung schnell wieder zusammen. Kretschmann nahm das politische Wechselfieber damals gelassener als andere hin. Das sei womöglich der Vorteil des Alters, sagte der 62-Jährige vor wenigen Wochen, als niemand das Erdbeben, den Tsunami und den GAU in Japan ahnen konnte und die Chance zur Regierungsübernahme wieder in weite Ferne gerückt schien. „Es gibt eben Großstimmungen, auf die hat man keinen Einfluss.“

Dann provozierten die TV-Bilder aus Fukushima eine neue „Großstimmung“ im Land, auf die Kretschmann auch keinen Einfluss hatte. Vor dem Hintergrund der 31-jährigen Kampfgeschichte der Grünen gegen die Atomenergie war er plötzlich eine glaubwürdige Alternative zum Akw-Vorkämpfer Mappus. Und die Glaubwürdigkeit, die sprechen Kretschmann in Baden-Württemberg nicht einmal die politischen Gegner ab.

In seiner neuen Rolle aber muss der engagierte Katholik nicht nur von Verantwortung reden, er muss ihr auch gerecht werden. Die Herausforderung ist gewaltig, schließlich will er nicht weniger stemmen als den ökologischen Umbau des wirtschaftsstärksten deutschen Bundeslandes, wie er auch bei seinem Statement in Berlin wieder betont. Das wird Gegenkräfte wecken, starke Gegenkräfte. Umsetzen muss er die Politik mit einem Beamtenapparat, der von fast 60-jähriger ununterbrochener CDU-Herrschaft geprägt ist. Es gehört nicht viel Fantasie zu der Voraussage, dass in der neuen Regierung politische Kulturen sehr hart aufeinanderprallen werden.

Auf der anderen Seite wollen die Gegner des Projekts Stuttgart 21, dass endlich Schluss ist mit dem Bau. Die Grünen hatten sich mit diesem Widerstand eng verbunden. Verratsvorwürfe liegen da schnell in der Luft. Auf der anderen Seite hegt seine eigene Landespartei hohe Erwartungen, die vom Wahlausgang wie euphorisiert wirkt und schnell grüne Ergebnisse sehen will. Das Land Baden-Württemberg ist über seine Beteiligung an der EnBW Mitbesitzer der Atomkraftwerke im Land. Mit dem linken Flügel der Grünen, den es auch im „Ländle“ gibt, fremdelt der Realpolitiker Kretschmann. Er, der vor der Ära von Günther Oettinger und Stefan Mappus jahrelang auf ein schwarz-grünes Bündnis hinarbeitete, muss nun mit der SPD regieren. Es gibt nicht wenige in seiner Partei, die glauben, Finanzminister in einer Regierung mit der CDU sei sein wahrer Traumjob gewesen.

Jetzt muss er im Rekordtempo in seiner neuen Rolle ankommen – und sie ausfüllen. Als Kretschmann am Sonntagnachmittag von seinem umgebauten Bauernhaus in Laiz bei Sigmaringen nach Stuttgart fuhr, war er noch ein freier Mann. Ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, des Kirchenchors und Schützenvereins, der lieber auf der schwäbischen Alb wandert und am Wegrand aus fremden Ländern eingeschleppte Blüten ausreißt, statt sich im Urlaub ins Flugzeug zu setzen.

Doch als nach 18 Uhr die grünen Balken auf den Diagrammen der Wahlsendungen in die Höhe schossen, war klar, dass für ihn eine neue Existenz beginnt. Wenig später bahnten auf der Wahlparty der Grünen im Kunsthaus in Stuttgart zwei Personenschützer ihm den Weg durch die jubelnde Menge. Winfried Kretschmann und Leibwächter, das waren bisher zwei Begriffe, die schlecht zusammenpassten. Ab nun gehören die Kriminalbeamten zu seinem Leben. Unbegleitete Spaziergänge auf der schwäbischen Alb sind einem baden-württembergischen Ministerpräsidenten wohl kaum erlaubt. Auch für die Lektüre seiner Lieblingsphilosophin Hannah Arendt wird der ehemalige Gymnasiallehrer für Ethik, Biologie und Chemie künftig nur noch wenig Zeit haben.

Wenn sich die Grünen denn Illusionen gemacht haben, dass Winfried Kretschmann in der Villa Reitzenstein ihr Parteiprogramm pur vertreten wird, so stellt der künftige Regierungschef und bekennende Fan des deutschen Föderalismus beim Auftritt in Berlin gleich etwas klar: Ein Ministerpräsident habe zunächst die Interessen seines Landes zu vertreten, sagt er: „Jedenfalls werde ich mein Amt so führen. Ich bin in erster Linie meinem Land verpflichtet, und dann kommt irgendwann meine Partei, und meine Person auch ganz hinten.“ Das klingt, als ob auch die Grünen mit Kretschmann noch manchen Konflikt werden austragen müssen. Aber an diesem Morgen strahlen die Gesichter von Roth und Özdemir vor Freude, und für ernste Gedanken haben sie keine Zeit.

„So sehe ich die richtige Reihenfolge“, sagt Kretschmann noch. Und stellt nebenbei noch ganz bescheiden klar, dass diese Lehre nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen ist: „Das stammt übrigens vom Ministerpräsidenten Teufel, nicht von mir.“ Teufel war der letzte Ministerpräsident der CDU im Südwesten, der anders als Günter Oettinger oder gar Stefan Mappus über die Parteigrenzen hinweg als Landesvater geachtet wurde. Kretschmann, so sind seine vielen Anleihen bei dem ähnlich bedächtigen Erwin Teufel zu verstehen, will dem christdemokratischen Vorgänger in dieser Rolle gerne nachfolgen. Vielleicht sehnen sich die Menschen im Südwesten in Zeiten des Umbruchs tatsächlich nach einer Vertrauensperson, die nicht für den schnellen Wechsel der Positionen, sondern für Beständigkeit der Werte steht.

Die Pressekonferenz ist schnell zu Ende, es gibt noch ein Bild für die Fotografen, dann muss Kretschmann schon wieder aufbrechen, zum 13-Uhr-Flug zurück nach Stuttgart. Wie hat er am Abend zuvor gesagt, als sich seine Parteifreunde noch trunken von Glück in den Armen lagen? „Wir feiern, und morgen gehen wir dann gleich wieder an die Arbeit.“ Er hat mit dem Arbeiten schon lange angefangen.

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