Politik : „Insel der Uneinsichtigkeit“

Die Sudetendeutschen kritisieren die Prager Regierung – haben aber den Eindruck, dass die Zeit allmählich für sie arbeitet

Ralf Müller[Augsburg]

Die Sudetendeutschen sind sich sicher: Mit einer so betonköpfigen Regierung wie der in Prag hat es 60 Jahre nach Kriegsende keine andere deutsche Vertriebenengruppe zu tun. Obwohl die Tschechische Republik mittlerweile Nato und EU angehört, werde das „offizielle, politische Tschechien immer mehr zu einer Insel der Uneinsichtigkeit und Rückwärtsgewandtheit“, bedauerte Johann Böhm, Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, auf dem diesjährigen Pfingsttreffen in Augsburg.

Erst vor kurzem hatte das tschechische Parlament die Benes-Dekrete aus dem Jahr 1945 indirekt bestätigt, auf deren Grundlage die Sudetendeutschen vertrieben wurden. Nach wie vor weigert sich die Regierung in Prag, direkt mit den Vertretern der Sudetendeutschen zu reden. Diese „offene Wunde in Europa“ passe nicht zu dem gutnachbarschaftlichen Geist des deutsch-tschechischen Nachbarschaftsvertrags und zur Wertegemeinschaft der EU, sagte Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber und Schirmherr der Sudetendeutschen.

Am Pfingstmontag sollte in Prag eine Statue des früheren tschechischen Ministerpräsidenten Edvard Benes feierlich enthüllt werden. Benes stehe nicht nur „für die völkerrechtswidrige Vertreibung“, sondern auch für die Auslieferung des eigenen Volkes an die „stalinistisch-kommunistische Herrschaft“, empörte sich schon vorab der Chef der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt. „Wenn sich jemand ins eigene Knie schießen will, dann soll er das tun“, wetterte Posselt.

Dennoch: Erstmals seit Beginn der Vertreibung in der damaligen Tschechoslowakei haben die Sudetendeutschen den Eindruck, dass die Zeit nicht mehr nur gegen sie arbeitet. Volksgruppen-Sprecher Johann Böhm will einen „spürbaren Bewusstseinswandel in der deutschen Gesellschaft gegenüber den deutschen Opfern des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit“ wahrgenommen haben. Fest machte er dies an der Rede des Bundespräsidenten zum Kriegsende. Man wolle gerecht sein auch gegen das eigene Volk, hatte Horst Köhler gesagt. Von der gegenwärtigen deutschen Bundesregierung erwarten die Sudetendeutschen freilich nach wie vor nichts. Kanzler Gerhard Schröder biedere sich „zu Lasten deutscher Bürger im Ausland an“, kritisierte Böhm, ehemals CSU-Landtagsabgeordneter und Präsident des Bayerischen Landtags, kühl. Schirmherr und CSU-Chef Stoiber will hingegen nicht ohne Vertreter der Landsmannschaft nach Prag reisen. Er werde nur fahren, wenn deren Repräsentanten dabei seien, versprach der bayerische Ministerpräsident auf der Hauptkundgebung des Sudetendeutschen Tages. „Beim Wort nehmen“ wolle er dabei den tschechischen Außenminister Cyril Svoboda, der kürzlich vorsichtig Bereitschaft bekundet hatte, „über Fragen der Vergangenheit zu sprechen“. Prag kommentierte das schon vorab: Der tschechische Regierungschef Jiri Paroubek sagte, Stoiber mische sich „auf unglaubliche Weise in innere Angelegenheiten (Tschechiens) ein“.

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