Inszenierte Egos : Was Mann sich so leistet

Sarkozy, Berlusconi, Trump oder Putin wären in Deutschland nicht vorstellbar. Was steht hinter der Zurschaustellung der - materiellen - Potenz ? Ein Kommentar.

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Prinzipienstark oder peinlich? Wladimir Putin auf dem Pferd.
Prinzipienstark oder peinlich? Wladimir Putin auf dem Pferd.Foto: REUTERS

Warum neigen Männer in einem Alter, in dem sie, vorsichtig ausgesprochen, nicht mehr in der Maienblüte stehen, dazu, sich zu inszenieren, als müssten sie um alles in der Welt permanent beweisen, dass sie unschlagbar sind – im Geschäft, in der Demonstration ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Macht? Was uns, geschieht es im Privatleben, nichts angeht, auch wenn es im individuellen Fall eher lächerlich wirkt, muss uns, muss die Öffentlichkeit sehr wohl interessieren, wenn die demonstrative Zurschaustellung der eigenen – materiellen – Potenz die Politik oder das Wirtschaftsleben einer Nation tangiert.

Im Kampf um den Besitz der Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann führen uns die beiden zentralen Figuren dieses Kampfes seit Wochen vor, wie das Dominanzstreben zweier Männer möglicherweise tausende von Arbeitsplätzen vernichtet. Natürlich würden sowohl Karl-Erivan Haub als auch Alain Caparros bestreiten, dass andere als rein sachliche Motive ihr Handeln bestimmen. Aber die Sprache verrät eben mehr.

Der 60-jährige Rewe-Chef Capaross, seit 2006 dort Vorstandsvorsitzender, sagt von seinem Gegenspieler Karl-Erivan Haub, er handele willkürlich „wie ein Sonnenkönig“. Mehr noch: Er benehme sich wie der Verkäufer eines Gebrauchtwagens, der dem Kaufinteressenten nicht einmal den Kilometerstand sagen will. Karl-Erivan Haub, seit dem Jahre 2.000 Eigentümer des Familienunternehmens Tengelmann, konstatiert, letztlich scheine „die Zerstörungswut der Gegner zu siegen“.

Die übertriebene Zurschaustellung von Männlichkeit wirkt oft lächerlich

Diese beiden sind nur die jüngsten Beispiele von Männern mittleren oder fortgeschrittenen Alters, die der Öffentlichkeit ein Schauspiel bieten, bei dem sie entgegen ihrer Selbsteinschätzung überhaupt nicht gut aussehen. In der Politik sind ähnliche Formen der Eigendarstellung noch häufiger als im Wirtschaftsleben, wo, zumindest in Deutschland, eine gewisse Diskretion eher geboten ist und die Formen der Ego-Inszenierung sich eher auf die Uhrenmarke oder gehobene Freizeitvergnügen konzentrieren. Deutschland ist auf dem Feld der männlichen Zurschaustellung unterentwickelt.

Vermutlich liegt das an dem vom Historiker Herfried Münkler konstatierten post-heroischen Zeitalter, in dem solche Bühnenpräsenz nicht mehr so recht ankommt und in dem das Prächtigste, was wir in der Bundesrepublik zu bieten haben, die dunkelblaue Uniform eines Bundeswehr-Admirals ist.

Anderswo in Europa ist das auch anders. Ein Nikolas Sarkozy, der mit einer gewissen Mühe, aber nicht ohne Eleganz, ein großes Pferd besteigt und sich von den gegenüber auf einem Podest aufgereihten Pressefotografen als kühner Reiter porträtieren lässt, wäre in Deutschland nur schwer vorstellbar. Das Bild in den deutschen Medien wäre nicht das von Sarkozy auf dem Pferd, sondern die Perspektive mit den Journalisten auf dem zum Podest umgewidmeten Bauernwagen im Hintergrund. Auch ein Silvio Berlusconi, der sich mit bezahlten oder von seinem Reichtum faszinierten Frauen im Töchter- oder Enkelinnenalter umgibt, scheiterte mit Sicherheit an der deutschen Prüderie.

Ob Wladimir Putin, mit nacktem und durchaus noch muskulösem Oberkörper auf einem Pferd oder vor einem gerade geschossenen Tiger posierend, bei uns aber nicht auch Bewunderer finden würde, sei dahingestellt.

Merkel argumentiert ihre Gegner müde

Bei Donald Trump kann man sich sogar fast sicher sein, dass sein mackerhaftes, gockeliges Gehabe zumindest in manchen abgehängten männlichen Milieus als rattenscharf empfunden würde. Aber auch das funktioniert, wie schon bei Berlusconi, nur mit ein paar Milliarden im Rücken. Arm und ordinär, damit gewinnt man bei keiner Frau Punkte.

Überhaupt: Frauen in vergleichbaren Positionen in Politik oder Wirtschaft machen das anders. Cleverer oder raffinierter oder direkter, wie Maggie Thatcher, die völlig uneitel mit ihrer Handtasche auf den Tisch schlug und schrie: „I want my money back!“ Angela Merkel tendiert dazu, ihre Gegenspieler müde zu argumentieren oder innenpolitische Widersacher auszutricksen – bis sie es merken, ist es zu spät.

Glaube niemand, dass nicht auch in der Öffentlichkeit stehende Frauen gelegentlich Interessen haben, die alles andere als altruistisch sind. Und sich selbst inszenieren können sie sowieso besser als Männer, sie machen sich einfach nicht so lächerlich.
Zurück zum Anfang: Gibt es für Karl-Erivan Haub und Alain Caparros nicht noch einen Rückzugsraum, aus dem sie beide strahlend hervorkommen können und erklären: Wir haben eine Lösung?

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