Politik : Integration auf böhmische Art

Alexander Loesch

In der kalten Jahreszeit können die alten Städte Mitteleuropas schnell trist und bedrückend wirken. Krummau aber nicht. Die südböhmische Kleinstadt an der oberen Moldau ist eine Schatzkammer der europäischen Architekturgeschichte und wirkt immer behaglich. Sie erinnert mit ihrem verschachtelten Häuser- und Gassen-Netz unterhalb einer mächtigen Burganlage der Fürsten Schwarzenberg an ihre große und prachtvolle Schwester Prag - nur en miniature. Und dass sie schön ist, dürfte spätestens seit Egon Schiele allgemein bekannt sein. Das malerische Altstadtlabyrinth auf Schieles vor etwa 100 Jahren entstandenen Bildern scheint unverändert.

Das hat einige Mühe gekostet. "Als wir kurz nach der Wende vor zwölf Jahren mit dem damals frisch gewählten Präsidenten Vaclav Havel die Stadt besuchten, glaubten wir, das alte Krummau sei nicht mehr zu retten", sagt der heutige Chef des Prager Oberhauses, Senatspräsident Petr Pithart. So zerfallen seien die prächtigen Renaissance-Häuser nach vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft gewesen. Cesky Krumlov, wie Krummau auf Tschechisch heißt, glich in seinem Äußeren vielen anderen Städten im früheren so genannten Sudetenland. Die Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung hatte ihre Spuren hinterlassen. Niemand kümmerte sich mehr. Die Stadt war dem Verfall preisgegeben.

Krummau hatte dennoch Glück. Das tragische Schlusskapitel der deutsch-tschechischen Geschichte Böhmens verlief hier milder. "Weil es bei uns viele deutsch-tschechische Mischehen gab, wurden 1945 nicht alle hiesigen Deutschen vertrieben", erzählt der Krummauer Bürgermeister Anton Princ. Bis dahin habe die Stadt 80 Prozent deutsche Einwohner gehabt. "Bis heuer sans im Oart immer noch fünf Prozent", sagt Princ und rutscht dabei in die Krummauer Mundart. Auch Princ hat deutsche Vorfahren, eine weitere Besonderheit Krummaus. Ein "sudetendeutscher" Bürgermeister? In allen anderen vergleichbaren Städten der böhmischen und mährischen Grenzgebiete ist dies auch heute noch kaum vorstellbar.

Krummaus Stärke ist die Integration. Von Trennlinien in der Stadt, auch den besonders in Prag immer sichtbareren zwischen Arm und Reich, ist hier nichts zu sehen. Im Gegenteil: In Krummau ist nicht nur die Altstadt vorbildlich restauriert, sondern der Besucher bekommt den Eindruck, dass an dem allgemeinen Aufschwung alle beteiligt sind - die heutige tschechische Mehrheit wie die deutsche und die Roma-Minderheit. Armut oder gar Bettler sieht man nicht. Überall Geschäfte, prosperierendes Kleingewerbe, Galerien und sogar das große "Egon Schiele Art Center", untergebracht im Haus der früheren städtischen Brauerei aus dem 16. Jahrhundert. Und Gastlichkeit zählt. Es gibt unzählige Kaffeehäuser, Restaurants und Weinstuben. "Unsere Stadt hat 15 000 Einwohner und 182 Gasthäuser", sagt Eva Zikmundova vom Informationsamt.

Die Kleinstadt wirkt mit diesen Attributen fast weltoffener als die Metropole Prag. Auch in diesem Punkt möchte der Bürgermeister mit gutem Beispiel vorangehen. Er fahre fast jede Woche "nüber nach Österreich", sagt er, um sich mit Amtskollegen auszutauschen . Diese liebgewonnene Routine hat er jetzt einmal unterbrechen müssen. Denn Krummau gilt schon als Vorbild. Princ flog nach Vilnius in Litauen, wo er bei einem Kongress zur Integration von Roma über die Erfahrungen in der Stadt berichten sollte.

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